Spuren = Geschehnisse

Ferien

Geschrieben von Blanca Maria Kallivroussis.

Ferien!

Ein Begriff in Griechenland vor 50-60 Jahren nur für Schulkinder bekannt.

Wer konnte schon damals Ferien machen? Das Sozialwesen auch der entwickelten Industriestaaten sah so Etwas nicht vor, wenigstens nicht in dem Masse wie Heute. Wie hatte man sich dann erholt von der Arbeit, welche auch viel anstrengender war, da die Automatisierung gerade anfing?

Die kurzen Wochenenden waren daher willkommene Unterbrechung in dem mühsamen Alltag und auch die Feiertage nutzte man zu Ausflügen und Freizeitbeschäftigungen.

Ich sehe mir die Fotos von diesen Unternehmungen von damals und spüre Heute noch die Freude und Gefühl der Freiheit in der Natur in ihnen. Kinder, die rennen hinter einem Schmetterling, die Füsse welche die Schuhe abgeworfen haben und genussvoll im kalten Bachwasser baden. Frauen und Kinder, die auf der Wiese Blumen sammeln und dann in schöne Sträusse binden. Diese Sträusse werden dann für eine mühsame Woche die Wohnungen schmücken und die Freude auf das nächste Wochenende nähren.

Ein anderes Foto zeigt auf der Wiese ausgebreitete Decke und darauf verschiedene Gerichte präsentiert- Picknick, kurz gesagt. Restaurant, ja das war damals für viele etwas Unnahbares und aber auch unnötiges.

Ein anderes Foto zeigt eine ganze Gesellschaft, Männer, Frauen und Kinder müde sitzend unter einem grossen Baum. „Die Rast" könnte man es nennen. Wohin sind sie gegangen? Warum solche Mühe? Dass auch die Kinder mit solcher Freude mitmachten?

„Schau! Das ist Deine Mutter und hier! Das bist Du! Und Du hier! Kannst dich erinnern? Dem da hatte man dann kurze Zeit später den Kopf angeschlagen! Wer hatte damals den Stein geworfen? Bis heute weiss man das nicht."

Eine Gruppe Freunde, alle über 60 heute, sehen sich alte Fotos aus ihrer Kindheit an und die Erinnerungen sprudeln aus ihnen und die Kindische Freude von damals umgibt sie. Da ist kein Platz für mich, ich war nicht dabei, die Welt von damals mit ihren Freuden und Leid ist mir unbekannt. Ich will es aber trotz dem wissen. Ich versuche in dieses Kokon aus alten so schönen und angenehmen Erinnerungen durchzudringen fragend. Ja, es gelingt mir, sie fangen an zu erzählen.

Das Leben von damals war von der Kirche bestimmt. Die Feiertage, die Fastentage, ja auch die Ausflüge.

„Es war der Vortag des Hl.Panteleimon, wir sind zum Kloster gepilgert. Jedes Jahr machten wir diesen Ausflug zum Kloster." „Das ist aber weit! Seid Ihr zu Fuss dorthin gegangen? Hin und zurück ist es wohl nicht an einem Tag zu schaffen!" Wunderte ich mich. „Oh doch, aber nur wenn Du richtig schnell gehst, dort kein langen Aufenthalt hast und im Morgengrauen los ziehst, und in der Nacht zurück bist. Das haben wir natürlich nicht gemacht. Zwar sind wir sehr früh am Morgen losgegangen, das war damals das einzige Unangenehme, man musste früh aufstehen trotz dem das man Schulfrei hatte. Gemütlich, mit vielen Pausen, der Weg ging steil hinauf, sind wir dahin gepilgert. Unterwegs haben wir gespielt, herumgerannt, geschrieen nach Herzenslust, bis es dann mit fortschreitendem Tag heiss wurde, schlussendlich war es jedes Mal der 14. August! Da sind wir dann froh gewesen an der Spitze des Berges angekommen zu sein, wo das Kloster wie eine Krone darauf thronte. Wie das Elixier des Lebens kam uns vor das kühle Wasser aus der Heiligen Quelle innerhalb der Mauer des Klosters. Der Prior wies uns dann unsere Zellen zu, in welchen wir die Nacht verbringen würden. Die Frauen bezogen schnell die Matratzen der Feldbetten mit den mitgebrachten Leintüchern und alle fielen müde hin. Das schrille Leuten eines „Simantro"- das ist ein Stück Eisen, auf welches rhythmisch geklopft wird und auf dieser Weise die Gläubigen zur Messe ruft, rüttelte die müden Pilger auf. Das Aufstehen war nicht leicht, aber die Eltern haben da sehr energisch nachgeholfen und ausserdem, das Nachtessen gab es sowieso erst nach der Messe. In der Kirche wurde man sehr schnell mitgerissen von der Atmosphäre und alle sangen die bekannten Psalmen aus vollem Herzen. Dann die Predigt, zum Glück hatte der Prior diese nicht so lange gehalten und das Lesen im Evangelium und dessen Deutung war immer interessant. Dann die Kommunion, nur wenige konnten den ganzen Tag nüchtern bleiben, die meisten wollten es erst den nächsten Tag bei der Morgenmesse tun. Noch die letzten Psalmen, das Vaterunser und alle sind aus der Kirche in die kühlen Höfe des Klosters hinausgeströmt. Die Frauen halfen in der Küche das Essen vorzubereiten lebhaft mit dem Prior diskutierend. Er war natürlich der Oberbefehlshaber in der Küche und unter seiner Führung wurde alles bald eingerichtet in dem grossen Saal der Priorei, welcher für solche Anlässe da war. Früher vielleicht, wenn das Kloster auf der Höhe seiner Blütezeit war, so in 13, 14, 16, Jahrhundert und Dekaden Mönche da waren, da speisten die wahrscheinlich auch dort, jetzt reichte die kleine Küche für alle Insassen des riesigen Klosters.

Nach dem Essen haben die Frauen wieder das Aufräumen in der Küche und Esssaal übernommen, alle anderen verteilten sich in den vielen kleinen Höfen des Klosters und genossen die angenehme Kühle der anbrechenden Nacht. Später gesellten sich auch die Frauen dazu. Niemand dachte ans Schlaffen, es war der schönste Moment des Ausflugs. Alle warteten in der Dunkelheit auf Etwas. Sie sassen in den dunklen Ecken der kleinen Klosterhöfe und diskutierten leise, Erwachsenen, wie die Kinder. Jedes mall eingefangen von der Majestätischen Grösse des Klosters und seiner Geschichte, die sie mit jedem Steinchen dass sie umgab spürten. Und es kam das auf was sie gewartet hatten. Eine riesige leuchtende Scheibe erhob sich am dunklen Horizont zwischen den sich dort schwarz abzeichnenden Hügeln. Niemand sprach, alle schauten wie verzaubert wie sich die leuchtende Scheibe über den dunklen Himmel empor schob und das ganze Kloster in ein kühles silbernes Licht tauchte.

Es dauerte lange, bis alle des Schauspiels der Lichter satt wurden und sich dann müde in ihre Zellen zur Nachtruhe zurückzogen.

Das „Simantro" weckte alle wieder sehr früh. Es ist recht kühl dort oben auf der Bergspitze gewesen. Unausgeschlaffen, vor allem die Kinder, Mädchen in kurzen Röcken und die Buben in kurzen Hosen fröstelten und empfanden nun die gefüllte Kirche angenehm, denn die vielen Menschen wärmten die Luft dort. Nach der feierlichen Messe und der Kommunion für fast alle, gab es noch schnell eine Erfrischung, für die Erwachsenen Kaffee und für die Kinder Limonade mit etwas mitgebrachtem Gebäck. Der Prior sprach mit allen, für jeden hatte er ein aufmunterndes Wort. Er kannte sie alle, ihre Freuden und Nöte, von Kindheit auf. Sie verabschiedeten und bedankten sich bei ihm für alles und los ging es zurück Nachhause. Man wollte vor der Mittagshitze zurück sein, was natürlich, da es jetzt den Berg hinunter ging, gelang. Alle waren zufrieden. Die Erholung am Geist und Körper von dem mühsamen Alltag war da..."

Wir schauten einander an. Als ob wir plötzlich erwacht wären. Ich spürte die Sehnsucht aller anwesenden, mich inbegriffen, nach der damaligen so erfüllenden Zufriedenheit und der Dankbarkeit für diese schöne erlebte Momente. Oder war das die Sehnsucht der Erinnerung an die glückliche Kindheit? Vielleicht beides.

„Dieses Jahr gehen wir wieder hin", der Prior- Heute bereits einer von ihnen, wartet auf sie!