Spuren = Geschehnisse

Geschichte vom Land erzählt vom Ende zum Anfang

Geschrieben von Blanca Maria Kallivroussis.

Geschichte vom Land erzählt vom Ende zum Anfang.

 

Land, Feld, Pole, Chorafi, egal in welcher Sprache, es hat immer die gleiche Bedeutung – Vermögenswert.

Grund, wofür seit Kain und Abel sich die Menschen die Köpfe einschlugen. Das Wunderding, welches Leben gibt, Wasser, Schweiss und Blut trinkt und das Leben wieder nimmt und in sich birgt.

Eine Geschichte, wie jede andere und dennoch so bezeichnende…

Angefangen, oder besser gesagt, geendet hatte es mit einem Telefon Anruf:

„Alla?! Hallo! Wie geht es Dir? Alles in Ordnung?“ „Nicht so, ich habe keine guten Nachrichten.“ „Wieso? Ist jemand krank?“ „Aber nein, nur meine Freundin ist aus Prag gekommen und hat mir die Papiere gebracht.“ „Was für Papiere?“ „Na, die, wo ich Dir erzählt habe, über die Felder, Grundstücke, welche früher unserer Familie gehört haben.“ „Ach das! Und was hast Du so schreckliches herausgefunden? Sicher hat es nie was gegeben, oder? Mach Dir nichts draus, ohne das können wir auch leben!“ „Nein, schlimmer!“ „Schlimmer? Wie geht das?“ „Wir haben welche gehabt.“ „Was?! Sind sie denn nicht verkauft worden um die Schulden von Grossvater zu tilgen?“ „Nein.“ „Dann was?“ „Das ist eine lange Geschichte.“ „Dann fang an!“

„Ich bin so traurig! „Warum denn?“ „Ich habe das doch alles angefangen, warum nur!“ „Ja, warum?“ „Was ist denn eigentlich los?“

„Habe ich Dir denn nicht erzählt, dass ich gegenüber Damals keine Ressentiments habe? Dass ich das Gute und das Böse, was wir dort erlebt haben, hingenommen habe und mich an Damals eigentlich ganz gerne erinnere? Ich war doch diejenige, die als Erste eine Reise zurück unternommen hat und die Verwandte dort besuchte! Ich hatte so grosse Freude, als sie mich so herzlich empfangen haben. Als wir zusammen all die Orte besucht haben, wo unsere Vorfahren gelebt haben. Als sie mir dann Briefe schrieben und uns auch hier bei uns besuchten und nun das!“ „Das, was?“

„Es hat Felder gegeben, viele Felder, grosse und kostbare!“ „Und dann? Ist es nicht wahr, dass Grossvater diese verspielt und durch Trunksucht verloren hat? Was ist dann wahr?“

„Als Grossvater während des Krieges starb, war unser Vater doch vermisst?“ „Ja, ich weiss. Langsam dämmerte mir. Der Älteste Sohn vermisst im Krieg, merkwürdige Verhältnisse im damaligem Protektorat, der Onkel, sein Bruder in der Staatsbank beschäftigt, nicht so schwierig die Erbschaft in Ordnung zu bringen. Und wie ging es dann weiter?“  „Die Hälfte ging an Grossmutter und die andere Hälfte an Onkel, welcher der nun verbliebener Familien ältester war.“

„Das musste aber ein Schock gewesen sein, als dann halbes Jahr nach dem Krieg Vater auftauchte und kurze Zeit später seine Frau mit Kind und da noch Ausländerin!“

   „Da kam eben die Geschichte mit dem betrunkenen Grossvater zu Hilfe und dem Verkauf der Felder. Es war Krieg und das, was unser Vater unterwegs von Buzuluk bis Prag gesehen hat, hat ihn sicher nicht zweifeln lassen. Ausser dem höchst wahrscheinlich hatte er andere Sorgen als dem verlorenem Vermögen nachzurennen. 1946 wurde er zum 2. mall Vater und 1948 kam die Revolution, die Kommunisten und sowieso wurde dann alles enteignet. Für den Onkel- „wie gewonnen, so zerronnen.“ Niemand hatte was davon. Die Geschwister haben weiterhin in gutem Einvernehmen gelebt. Es gab natürlich noch das Elternhaus in welchem Onkels Familie lebte, aber während der Zeit des Kommunistischen Regimes, hat man lieber darüber geschwiegen, sonst wäre möglich, dass sie auch das „Verstatlicht „ hätten anstatt zu prüfen, wem es gehören sollte.

Die Tante starb, sie hatte sowieso wahrscheinlich kein Erbanteil, somit keine Ansprüche. Vater starb, niemand wusste, was er wusste, ob er was erfahren hatte, aber sich nicht mehr damit befassen wollte. Er hatte immer darüber geschwiegen und sein Wissen mitgenommen. Grossmutter starb. Letzter Akt der Erbteilung hatte stattgefunden. Der Familienschmuck wurde zur Sprache gebracht. Der Onkel wollte teilen, aber es gab nichts zu teilen, er musste feststellen, dass ausser einem Erbring auf den er kein Anrecht hatte, es nichts mehr wertvolles zum erben gab. Die Familien trennten sich im stillen Groll. Meine Familie- meine Mutter und wir drei Töchter siedelten um nach Griechenland. Es war damals nicht leicht mit leeren Händen neu anzufangen im kapitalistischen damals sehr armen Griechenland. Wir haben es mit Hilfe Muters Verwandten geschafft. Heute sind wir alle vier Frauen verheiratet, haben eigenes Zuhause, gesichertes Einkommen, kein Gedanken an Zurückkommen. Das ist, was ich bis dahin von der ganzen Geschichte wusste und versuchte meine Schwester zu trösten.

Sie liess es aber nicht zu. „Hör mall, es war aber nicht so! Hör dir die ganze Geschichte erstmals zu Ende!“ „In Ordnung, dann erzähl!“

„Also, 1951 überschrieb die Grossmutter ihre Hälfte von Vermögen und auch das Elternhaus an ihre Schwiegertochter, Onkels Ehefrau, mit der Auflage, das  sich seine Familie bis an ihr Lebensende um sie Kümmern wird, Ihr Wohnung, Heizung, Nahrung, Kleidung, Ärztliche Versorgung und jegliche  Pflege, die sie im Alter nötig hätte angedeihen lassen. Dies wurde  in einem notariell beglaubigten Vertrag festgelegt. Und eben diesen und auch die Kataster Einträge hatte meine Freundin aus Prag mitgebracht, da sie in diesem Amt arbeitete und irgendwann bei ihrer Arbeit auf diese gestossen war.

„Ja, stimmt, Grossmutter lebte bis ca. 1953- 54 bei ihnen. Wir haben uns damals gewundert, als dann plötzlich Grossmutter zu uns in die Stadt förmlich verfrachtet wurde und Onkels Familie sich strickt weigerte die nun betagte Grossmutter in das Elternhaus zurück zu nehmen. Auch dann nicht, als Vater schwer krank wurde und auch er Zuhause intensive pflege brauchte. Für uns hatte das damals zu Folge, dass wir Kinder die Grossmutter pflegen mussten, da beide Eltern arbeiteten. Sonntags führten wir sie in die Kirche da sie fast blind war, nachts standen wir mit ihr auf und führten sie zur Toilette, da sie in der Wohnung die Orientierung verlor, wir badeten sie und zogen sie morgens an. Sie wohnte mit uns im gleichen Zimmer. Das hatte zu Folge, dass wir drei in zwei zusammen geschobenen Betten schlaffen mussten und die Grossmutter in dem dritten Bett. Sonst hätten wir uns in dem Zimmer nicht rühren können. Jetzt verstand ich den Grund der Abschiebung, aber, na ja, damals dachten wir, dass es nur gerecht war. Bis dahin lebte die Grossmutter bei Onkel und Tante im Elternhaus und da sie langsam betagt war und auch die Beiden arbeiteten, haben wir es betrachtet als Pflichtenteilung, da wir noch nicht wussten, das es für immer war. Von dem Vertrag hatte niemand eine Ahnung. In der damaligen Zeit der Kommunistischen Herrschaft, wer hätte sich da Gedanken um privates Eigentum gemacht? Der Onkel tat es aber.

Da sind Jahre vergangen, Staatsordnungen haben gewechselt, Erben sind gestorben….

1982 starb die Tante, Onkels Ehefrau, ihr Erbanteil ist an ihre älteste Tochter übergegangen. Der andere Teil blieb als Eigentum von Onkel und sollte nach seinem Tod der jüngeren Tochter gehören.“

„Na, gut, und was willst Du jetzt machen? Verstehst Du nicht, dass sie Heute noch um das alles erst kämpfen müssen? Zuerst müssen sie finden, wer sich das Heute unrechtmässig angeeignet hat und darauf dann den rechtmässigen Anspruch erheben. Es ist doch klar, dass es noch sehr viel Mühe und Geld kosten wird, bis sie überhaupt etwas in der Hand haben?  Auch wenn Du auf etwas von alldem Anspruch gehabt hättest, wie willst Du von deinem jetzigen Wohnort und Land aus das ganze rechtliche regeln? Wärest Du überhaupt bereit soviel Geld zu zahlen, ohne zu wissen, dass Du zum Schluss gewinnst und etwas davon bekommst? Stell Dir das nur mal vor! Diese Menschen haben das vor so langer Zeit gemacht. Zu Anfang sicher ohne Absicht. Dann wollten sie sich nicht davon trennen, deshalb haben sie gelogen und betrogen und haben auch den Zwist in der Familie in Kauf genommen. Sicher war ihnen nicht wohl dabei und wofür? Was hatten sie zum Schluss davon? Die Tante ist tot, Grossmutter ist tot, Vater ist tot. Der einzige der von allen wirklich beteiligten noch lebt ist der Onkel hoch betagt bald 90 jährig. So oder so auch wenn er wollte, kann er nicht mehr viel rückgängig machen. Mitnehmen kann er sowieso nichts, nur das Wissen um den Familien Zwist, das hat er gesät und geerntet. Von Familien Vermögen haben sie alle bis jetzt nichts gehabt und wahrscheinlich auch nicht seine Kinder, wer weiss vielleicht seine Enkelkinder, wenn die Eltern sich sehr darum bemühen werden, das nötige Geld, sehr viel Mühe und Opfer aufwenden. Das alles betrifft uns nicht mehr. Das ist ihr Land, auf das haben sie nach so vielem Aufwand Anspruch. Die Kusinen haben nicht den Betrug begangen, ja vielleicht geschwiegen, aber haben sie denn gewusst was von alldem uns bekannt war und was nicht?

Ich wünsche mir, dass wir weiterhin gut miteinander  auskommen, umso besser, dass wir nichts mehr zu teilen haben.“

Das Teilen, das ist es, was Familien zerrüttet, aus Geschwister Feinde macht, Bruderkriege schafft. So lange die Menschen nicht begreifen können, dass Teilen heisst: Auf ein Teil des Ganzen zu verzichten, das heisst- es aufgeben- nicht Anspruch darauf erheben zu Gunsten des anderen Beteiligten und zwar freiwillig, durch gegenseitiges Einverständnis, so lange wird es lauter Benachteiligte geben!

Wenn wir soweit sind und es alle begreifen, sind wir Menschen reifer geworden.