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Der verlorene Kontakt

Geschrieben von Blanca Maria Kallivroussis. Veröffentlicht in Gedankenfalle.

Der verlorene Kontakt.

Ein kleiner Junge steht vor mir.

 Ich schimpfe mit ihm.

«Warum hast Du das gemacht! Siehst Du was Du angestellt hast? Wie soll ich es jetzt wieder in Ordnung bringen?»

Der Kleine steht mit dem herunter gehängten Kopf vor mir. Er schaut mich nicht an.

«Schau mir in die Augen, wenn ich mit Dir spreche! Sag, warum hast Du das Blumenbeet zertrampelt?»

Der Junge schaut immer noch seine verdreckten Schuhe an.

Ich erhöhe die Stimme und bestehe auf einer Antwort.

Er schaut mich endlich an mit seinen erschrockenen Augen. Nur diese sind zu sehen in seinem kleinem mit einer Hygiene Maske verdecktem Gesichtchen.

Er sieht mir direkt in meine wütenden Augen. Auch mein Gesicht ist mit einer gleichen Maske verdeckt.

Aus seinen Augen kullern plötzlich die Tränen und lösen sich auf seiner Maske auf. Dann heult er los, laut und lang.

«Du hast mir Angst gemacht! Ich wollte das gar nicht. Ich habe nur mein Ball gesucht! Huuu, huu!»

Ich nehme ihn in die Arme, nehme ihm die Maske ab und putze ihm damit die Nase.

Ich nehme auch meine Maske ab, damit er sieht, dass ich lächle.

«Alles ist wieder gut. Komm, wir bringen es wieder zusammen in Ordnung.»

Erst, als er mein Lächeln sah, beruhigte er sich….

 

Die erschrockenen Augen des Jungen.

Ich habe doch schon oft mit ihm geschimpft. Er kannte mich. Noch nie hatte er mich dabei so erschrocken angeschaut.

Warum? Er kannte mich plötzlich nicht mehr. Ohne Gesicht war ich für ihn eine fremde.

Ja. Wir sind alle plötzlich füreinander fremde. Ohne Gesicht, ohne Mimik, ohne Worte.

Ohne Worte? Die Gespräche in Tram zwischen den Menschen in Masken sind verstummt.

Jeder ist eingesperrt hinter seinem «Schutz».

Aber wir brauchen unser Gesicht! Unbedingt! Unsere Mimik, den Ausdruck unseres Befinden, Laune,  Charakters!

Nein! Herr Doktor. Das Stethoskop, das Blutdruckgerät, die Laborwerte sind nur dann hilfreich, wenn man auch in das Gesicht des Patienten sehen kann.

Ja, im alten China durfte der Arzt die Frauen nicht sehen, nur ihre Hand und der Urin im Fläschchen. Sie war hinter einem Paravent versteckt. Vielleicht konnte er auch ihre Stimme hören und musste trotz dem eine Diagnose stellen und die entsprechende Therapie bestimmen. Und! Noch erfolgreich sein!

Ja, das stimmt, aber was für eine Ausbildung dieser Arzt haben musste und wie lange sie wohl dauerte?

Die Politiker mit Maske? Kein Problem! Die brauchen immer welche. Trotz dem, wenn sie eine Ansprache halten, die Hygiene Maske ziehen sie ab. Warum wohl? Nur damit man ihre Worte gut versteht?

Sicher nicht! Sie möchten unbedingt, dass man den Ausdruck ihres Gesichts, während sie sprechen, sieht.

Wir Menschen möchten nicht alle gleich sein. Alle mit dem gleichen Gesicht.

Denken sie an das Mittelalter wo die Ritter und Kämpfer Masken mit Helmen getragen haben. Damit man genau wusste wer sie sind, haben sie ihr Wappen zur Schau getragen.

Schon im Antike Theater gab man den Gesichter der Schauspieler durch ihre Maske die bestimmte Stimmung zum Ausdruck. Komödie – Lustig, Tragödie – Traurig.

Masken in jeder Kultur, jeder Zeit der Menschheit haben immer etwas zum Ausdruck gebracht.

Nur Heute. Heute hat uns die Pandemie das Gesicht geraubt.

Wie lange wird es dauern?

Es darf nicht zu lange dauern! Den mit der Zeit, vergessen wir, dass wir verschiedene Menschen sind, mit einer Seele, die man in unserem Gesicht sieht.  Wir werden die Fähigkeit verlieren, diese zu erkennen.