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Das Eichhörnchen und der Baum

Geschrieben von Blanca Maria Kallivroussis. Veröffentlicht in für Erwachsene.

Das Eichhörnchen und der Baum.

Ein kleines braunes Eichhörnchen kam öfters auf unseren Balkon. Neugierig untersuchte es alle Pflanzen in den Blumentrögen, ob es etwas Essbares darunter wäre. Manchmal lag dort ein Apfelschnitz, ein Erdnüsschen, manchmal auch nichts. Das störte es aber nicht. Es besuchte alle anderen Balkone und sicher fand sich auch dort etwas Gutes.

Das Eichhörnchen lebte auf einem grossen Baum in der Nähe des Hauses, inmitten mehrerer grossen und kleinen Bäume und Sträucher am Rande der Böschung eines kleinen Baches. In dieser grünen Nachbarschaft lebte es dort nicht allein. Auch andere Eichhörnchen, Vögel, Mäuse und Insekten lebten dort in einer lebhaften Gemeinschaft.

Die Jahreszeiten kamen und gingen. Mal wurden die blätterlosen Äste der Bäume beschwert von Schnee, mal trieften sie von Regenwasser. Am schönsten war es, wenn sie sich neu kleideten mit frisch grünen Blättern und noch schöner, wenn sie in ihrer schönsten Pracht erblühten. Da kam das Eichhörnchen nicht auf den Balkon zu Besuch, es war beschäftigt.

Bis dann eines Herbsttages etwas schweres und riesiges vor unserem Fenster erschien. Es war eine grosse Maschine, deren riesiger Kranen Arm Bäume um sich herum abschneidet. Es sägte die schönsten und grössten Bäume um. Die Maschine schnitt ihre Äste ab und vermahlte sie zu feinem Sägemehl. Die prächtigen dicken Stämme sägte sie in gleichgrosse Stücke und stapelte sie auf einen Haufen. Dann fuhr die Maschine fort. So plötzlich, wie sie kam.

 Es wurde still in der Umgebung. Die erschrockenen Tiere wagten sich eine Weile lang nicht der Gegend zu nähern. Plötzlich sah ich das Eichhörnchen in der Nähe des Holzhaufens herum zu suchen, rennen und springen. Es fing an, sein Baum, auf welchen es sein Nest hatte, zu suchen. Es fand diesen und setzte sich davor.

«Baum! Warum liegst Du da am Boden? Wo sind deine Äste? Wo ist mein Nest? Du machst mir Angst! Stehe auf! Ich kann in deiner Nähe gar nicht atmen!»

Der Baum schwer atmend antwortet mit sterbender Stimme.

«Siehst du nicht? Ich sterbe. Die Menschen haben mich abgesägt, meine Äste zu Sägemehl vermahlen. Ich werde nie mehr grüne Blätter bekommen, auch nie mehr blühen. Das, was Dir den Atem nimmt, ist das CO2, das Kohlendioxid, der Atem des Todes. Gehe weg von mir, sonst stirbst du auch!»

«Wo soll ich aber wohnen? Du warst mein Zuhause!»

«Such die ein anderen Baum, sind noch ein paar kleine übriggeblieben!»

«Da wohnen andere Eichhörnchen, die jagen mich weg. Wo soll ich hin?»

«Du musst auswandern und weiter suchen…. suuchen…»

Der Baum hauchte seinen letzten Atem aus und antwortete nicht mehr.

Das Eichhörnchen sass da und wartete. Nichts rührte sich aber. Auch die stickige Luft war weg. Absolute Stille herum.

Da sprang das verzweifelte Eichhörnchen davon, einen anderen Baum zu suchen, der sein neues Zuhause werden sollte. Weit, weit weg von diesem schrecklichen Platz, wo es nicht mehr hingehörte.

Ich sah es nicht mehr wieder….

 

 

 

Die schönste Geste seit langem.

Geschrieben von Blanca Maria Kallivroussis. Veröffentlicht in für Erwachsene.

Die schönste Geste seit langem…

In einem Land, welches gequält wird von Herabschätzung, Missgunst, Armut, Enttäuschung, Aussichtlosigkeit und Demütigung, da braucht man nicht sprechen. Man sieht, zieht Schlüsse, bedauert, denkt nach.

Nichts ist so, wie es war. Niemand hätte geglaubt, dass er das, was um uns herum geschieht, Heute je sehen würde.

Flughafen von Athen. Noch ist Hochbetrieb. Alle Hallen sind voll von Touristen. Flugzeuge kommen und gehen, alle voll.

Eine Halle, aus welcher sich Reisende in drei Richtungen auf die Reise begeben sollten, ist überfüllt.  Santorini, Kopenhagen, Ikaria.

Es wird ausgerufen:  „Nach Santorini!“ Die Menschen beeilen sich voll Freude. Da fangen die Ferien an.

Nächster Aufruf:  „Nach Kopenhagen!“ Die größte Menschenmenge begibt sich zum Tor. Da sind die Ferien zu ende. Sie reisen Nachhause.

Der Raum leerte sich. „Ikaria!“ Auch hier reisen die Menschen Nachhause. Sie mussten vieles in der Hauptstadt Athen erledigen. Immer noch nötigt sie die Staatsbürokratie dazu. Und auch ein paar letzte Touristen sind dabei, neugierig, was sie erwartet auf dieser sagenumwobener Insel.

Wie viele sind wir da? 20? Sicher nicht mehr. Das Flugzeug ist halbleer. Am Himmel sammelt sich eine schwarze Gewitterwolke. Ich mache mir Sorgen. „Schaffen wir es, weg zu kommen, bevor es stürmt? Oder müssen wir zum Schluss durch diese Wolke fliegen?

Das Flugzeug rollt an. Noch sind wir nicht an der Reihe. Ich schaue aus dem runden Fenster, sehe den Bodenlotsen. Er dirigiert das Flugzeug mit den Händen. Seine Hände sprechen, geben Befehle, fordern, lenken, stoppen. Es ist Zeit das Flugzeug zum Start frei zu geben. Er hebt die Hand, gibt es frei. … Und… In dem Augenblick winkt er zum Abschied! Seine Hände wünschen einen guten Flug! „Viel Glück!“ Die Geste war so natürlich, so verständlich, so herzlich! Es wurde mir warm ums Herz. Ja! Wir werden einen guten Flug haben. Trotz des nahenden Gewitters. Sein Wunsch kam so von Herzen!

„Wir! Das Häufchen von Menschen in einem silbernen Vogel ergeben in die Hände von erfahrenen Piloten und begleitet von solchen Wünschen…kamen glücklich an.“  

 

Das Treffen auf der Insel der "Patrioten".

Geschrieben von Blanca Maria Kallivroussis. Veröffentlicht in für Erwachsene.

Das Treffen auf der Insel der „Patrioten“

Ein schön eingerichtetes Wohnzimmer, festlich gedeckter Tisch. Auf einer Büffet Auslage lauter Delikatessen. Alles vorbereitet für ein Fest.

Es ist der zweite Ostertag, der Namenstag des Hl.Georg. Auf dieser Insel wird es besonders groß gefeiert, da ihm sogar eine große Kirche geweiht ist. Den ganzen Tag kommen Gäste alles Gute zu wünschen, da der Hausherr den Namen des gefeierten Heiligen trägt. Sie werden mit Freude empfangen und bewirtet. Man hatte sich lange nicht gesehen, jeder lebt meist weit von der Heimatinsel. Ja, die meisten sind auf dieser Insel geboren, in die Schule gegangen und Kindheitsfreunde des Hausherrn. Es wird diskutiert, gescherzt, philosophiert und politisiert. Ihre konservative Gedankenrichtung ist geprägt durch ihre Erziehung damaliger Zeiten, auch durch die strenge Bindung an die Kirche.

Natürlich bleibt auch die Flüchtlingsfrage nicht außer Gesprächsthema. Die Insel hat lange Tradition der Auswanderung. In früheren Jahren war die Beschäftigung der Einheimischen ausschließlich auf See. Männer heuerten je nach Bildung als Matrosen oder Kapitäne, die Frauen mussten die Familie und das Land umsorgen. Viele von den Seeleuten wanderten auf der Suche nach besserem Leben nach Amerika, Australien, Kanada, England  oder andere Länder. Die Familie zog irgendwann nach und entweder sind sie dort geblieben und kamen alle 2 Jahre zu diesem großen Fest zu Besuch, oder nach ihrer Pensionierung kehrten sie zurück, aber nicht auf die Insel, das blieb für sie ein Sommersitz, im Winter wohnten sie in der Hauptstadt. Und dennoch in der Gesprächen vorherrschte die Angst vor den „Andersgläubigen Einwanderern“. „Die hätten da nichts zu suchen!“ Auch das hat seine Erklärung in der Vergangenheit. Diese Insel war nämlich zur Zeit der Ottomanischer Unterjochung der Mutter des Sultans von ihm geschenkt worden. Die Bewohner wurden auf das schlimmste ausgebeutet, obwohl sie auch schon durch verschiedene Freibeuter oft heimgesucht waren, hatten praktisch nichts mehr. Nach der Befreiung jagten sie die Verwalter gefesselt in einem löchrigen Boot von der Insel. So groß war ihre Wut. Diese Besetzung hatten sie nie mehr vergessen. Es wurden auch ihre mehrere Kirchen und Kloster gebrandschatzt und niedergebrannt. Und dennoch, als von der Insel Chios Flüchtlinge kamen auch von den Türken gejagt und um Asyl suchten, haben die Inselbewohner diese fortgeschickt. Diese wurden dann auf der Insel Syros aufgenommen und hatten der Insel zu großem wirtschaftlichem Aufschwung verholfen, waren sie doch tüchtige Kauf und Seeleute.  Die Insel der Patrioten blieb für sich mit all ihren Einschränkungen und Vorurteilen. Und trotz dem  war die Bevölkerung der Insel nicht von der Einwanderung unangetastet geblieben. In den Zeiten großer Kriege und Heimsuchung von Epidemien, wurde die Insel fast entvölkert und so siedelte man von Festland eine Albanisch stämmige Volksgruppe an. Diese Menschen, da sie eigentlich die Albanische Berge bewohnten, siedelten sich auch auf der Insel in die Bergdörfer ein. Und dort sind sie auch geblieben. Sie haben sich ihre Kultur und ihre Sprache bewahrt bis in die heutige Zeit. Lang vermied man die Vermischung der beiden Volksgruppen. Heute scherzt man darüber und jeder ist stolz auf seine Herkunft. Sie sind Teil der Bevölkerung der Insel, dies ist ihre Heimat.

Aber das war auch noch nicht das Ende des Bevölkerung Zuwachses auf dieser Insel. Um dies zu erzählen, kehren wir wieder zu der fröhlichen Fest Gesellschaft. Menschen kamen, blieben für ein Gläschen Wein und etwas von den aufgetischten Köstlichkeiten und gingen wieder. Es galt ja, alle bekannte Georgs  besuchen und ihnen zu wünschen. An diesem Tag haben viele ein Gläschen mehr getrunken und sich auch gutes Essen in Mengen genehmigt. Unter den Besucher waren oft auch Persönlichkeiten der Insel, Schriftsteller, Maler, Ärzte, Lehrer, Architekten und andere. Der Abend kam. An der Türe klopfte es wieder. Als wir aufmachten: die Überraschung! Verwandte aus Athen! Mit einem Scherz traten sie ein. “Gewährt ihr bitteschön Asyl armen Flüchtlingen aus Kleinasien?“ „Was! Sie auch?!“ Ruft in dem Moment aus dem vollen Wohnzimmer einer der Gäste. Aus dem Witz wurde es ernst. „Ja, doch. Meine Familie musste während der „kleinasiatischen Katastrophe“ fliehen aus Konstantinopel.“ „Und meine aus Smyrna. Wo wohnen sie?“ „ Meine Familie fand Zuflucht auf der Insel Tinos, wo es damals sehr viele Katholiken  noch aus der Zeit der Kreuzzüge gab. Auch meine Familie ist Katholisch. Und sie? Wo leben sie jetzt?“ Meine Familie kam hier auf die Insel. Es war gar nicht leicht hier zu überleben. Wir wohnten in kleinen Hütten, die man uns zuwies, dort drüben am Fluss. Damals war dort sehr feucht, nur schlamm, viele Mücken und Malaria. Aber mit harten Arbeit und Ausdauer hat sich die Familie hochgearbeitet. Mein Großvater war Lehrer, mein Vatter Arzt und ich bin Architekt.  Die Geschichte der Insel interessiert mich sehr. Ich habe sie sehr genau studiert und habe auch dieses Buch darüber geschrieben. Das habe ich ihrem Schwager auch als Geschenk heute gebracht.“ Und er zeigte stolz auf das sehr schöne Buch, welches auf dem Tisch lag. Das lustigste war, dass von den vielen Anwesenden in dem Moment mindestens, lediglich der Gastgeber sich wirklich einheimischer nennen konnte wenigstens seitens seines Vaters…aber… er lebt seit fast 50 Jahren als Einwanderer in der Schweiz. Neben mir saß der Michalis, der Albaner mit seiner Frau Rita. Er schaute umher mit einem verständnisvollem lächeln. Auch er ist auf die Insel vor sicher 20 Jahren aus dem von damals zerrüttetem Albanien eingewandert. Heute hat er einen Griechischen Pass und sein Sohn diente in Griechischem Militär. Auch seine Anfänge in damals fremdem Land waren nicht leicht. Seine abgearbeiteten Hände zeugen davon. Die Diskussion über die Geschichte der Insel ihrer Bräuche und Feste, die Tradition der Seefahrer, Kapitäne und Reeder, welche sie vollbrachte war sehr interessant, fesselnd!

 Meine Gedanken wanderten aber weiter auf den Pfaden der vorfahren dieser Menschen, begleitet durch die Geschehnisse der Kriege und Katastrophen in der weiten, entfernten Welt, und dennoch so nahen dass sie die Schicksale aller dieser Menschen so grundlegend beeinflusste. Und die Mühlen des Schicksals mahlen weiter. Ein paar Inseln östlicher geschieht es weiter. Wieder kommen über das Meer Menschen in Not auf der Suche nach besserem Leben für ihre Familien. Dürfen sie das tun?  Wir haben sie nicht eingeladen! Sie haben nicht gefragt! Sie wollen ja auch gar nicht bei uns bleiben. Sie wollen weiter ziehen, nach Norden. Dort will man sie auch nicht haben. Jetzt sitzen sie da, in noch größerem Elend. Aber, wenigstens werden sie nicht von den Bomben und Schüssen der Extremisten in ihrem Land bedroht. Was wird aus ihnen? Viele von ihnen werden zurück in ihre Heimatländer geschickt, da außer Hungersnot ihnen keine Kriegsgefahr droht und man ihnen kein besseres Leben bieten kann. Viele erkennen es auch selbst und kehren freiwillig zurück, da das Heimweh stärker ist als Angst vor Bomben. Und der Rest? Wenn sie sich zum Schluss entscheiden zu bleiben, hier zu leben und arbeiten. Werden sie sich irgendwann integrieren in die Bevölkerung der Städte und Dörfer auf den Inseln und dem Festland. Sie werden diese Orte als ihre Heimat betrachten, diese schätzen und schützen lernen, wie es die Anderen vor ihnen auch getan haben. Eben die Patrioten.

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