Geschichten

Das Spiegellabyrinth.

Geschrieben von Blanca Maria Kallivroussis.

 Das Spiegellabyrinth.

 

Ich drehe nervös das Flugticket in der Hand. Die Gedanken rasen mir durch den Kopf. Es ist wie ein Film, der mit hoher Geschwindigkeit abgelassen wird. Wir können nicht die einzelnen Bilder auseinandererkennen, sehen nur farbige Streifen vor unserem Geistigen Auge. Von lauter Spannung wird mir schwindlig. Nach dreißig Jahren, wie wird es sein? Es tut weh bei dem Gedanke, dass sich etwas verändern könnte so, dass ich es nicht erkennen, oder nicht finden könnte. Das wäre, als ob ich es verloren hätte und die Verantwortung dafür übernehmen müsste, weil es verlorenging während meiner Abwesenheit.

„Jetzt ist aber fertig!“ Ich versuche mich zu beherrschen, in diesem Gemisch von Gefühlen und Gedanken eine Ordnung zu machen. Am besten wird es, denke ich, wenn ich mir ein Plan mache, wo ich zuerst gehe.“ Zum Anfang!“  Schreit mein Herz. „Nachhause!“ „Still!“ Schimpft der Verstand. „Nicht sofort leiden, noch nicht Schmerzen haben, nicht traurig sein! Zuerst Freude von Wiedersehen, ein bisschen Träumen!“ schmeichelt der Verstand. „O.K.“ bin ich sofort bereit nachzugeben. „Dann gehe ich zuerst nach Hradschin, nachher kann ich von dort Heim nach Dejvice herunterlaufen.“ Nur bei dem zu Ende gedachten Gedanke, zieht sich mein Magen zusammen.

In ein paar Stunden stehe ich tatsächlich vor den Toren Hradschins. Die Umgebung vor der Anlage ist total verändert. „Macht nichts“, tröste ich mich, „jetzt ist es schöner und innen ist es sicher alles gleich.“ Mit klopfendem Herzen schreite ich durch das Tor. Am liebsten hätte ich jeden Stein, jede Wölbung und Kratzer des uralten Gemäuers gestreichelt und gerufen: „Ich bin wieder da! Habt Ihr mich erkannt?!“

Eine kleine schmutzige Hand gleitet in die meine und zieht mich hinein. Ich wundere mich: „Wer bist Du?“ „Weißt Du das nicht?“ Lächelt mich  ein schmuddeliges Gesichtchen mit frechen blauen Augen an. „Woher kenne ich es?“ Langsam verstehe ich. Das zerknitterte Schürzchen, zerschlagene Knie, heruntergerutschte  Kniesocken, zertrampelte dreckige Schuhe, in den zerzausten Haaren eine gequälte Maschel, wie ein dahinsiechender, nassgewordene Schmetterling und die neugierigen, jetzt alleswissende Augen. „Ich bin Du und Du bist ich.“ Das stimmte, aber meine Neugierde war noch grösser. „Wie kommst Du hierher?“ „Ich habe auf Dich gewartet und komm schon!“ Meine Ungeduld spiegelte sich in ihrem Gesicht. Ich ließ mich ziehen. „Was sehen wir zuerst?“ „Den Dom natürlich!“ sagt sie und hüpft vor mir die Treppen hoch. „Du musst zahlen, ich nicht!“ „Damals musste ich das auch nicht“ brummte ich und zählte die Münzen an der Kasse ab.

In dem Dämmerlicht im inneren der Kirche, habe ich sie verloren. „Macht nichts“ dachte ich „so habe ich wenigstens Ruhe für mich. Langsam ging ich die Vitro durch, liebkoste ich eins nach dem andern, bewunderte jede einzelne Kapelle, stieg in die Krypta, ging das alte Gemäuer durch und dachte: „Eine Kirche unter einer anderen Kirche.“ Wie damals, als ich ein kleines Mädchen war und hier meine Fantasien sponn.

„Gehen wir auf den Turm?“ Zupft sie mich plötzlich am Kittel. „Wo warst Du?“ fragte ich. Sie zuckte nur mit den Schultern und wartete nicht auf die Antwort auf ihre Frage, da sie sich schon zum Gehen wandte und ich die Antwort sowieso kannte.

Atemlos auf dem Turm oben angelangt, verlor ich sie wieder aus den Augen. Dafür sah ich die ganze Stadt vor mir in ihrer ganzen Schönheit. „Das ist nur ein Traum! Das ist nicht möglich, dass ich tatsächlich wieder hier bin!“ Kleine und große Türme und Türmchen erhoben sich von roten Dächern. Häuser mit Verzierungen wie Spitzen in der feinsten Stickerei, dazwischen grüne Parks mit blühenden Kastanienbäumen. Der Fluss mit seinen schönen Brücken. Jetzt, die Loreto Glocken spielen ihr trauriges Lied. Meine Seele schwebt über all der Schönheit, will sich nicht davon trennen, viel mehr, mit diesem Bild verschmelzen. Das kleine freche Gesicht sagt plötzlich: „nicht! Das ist mein! Du gehörst in die andere Welt!“ „Bum!“ Ich lande wieder in der Gegenwart, ich bin nur ein Gast, darf nur sehen, nicht sein... Dem hat der Zug im Winter 1965 ein Ende gemacht, als ich die Grenze dieses Landes verließ und ein Niemand wurde, der nirgendswohin gehörte.  Gut, jetzt ist es anderes. Heute habe ich wieder ein Zuhause, wenn auch meilenweit von diesem Land entfernt, und auch eine neue Identität. Trotzdem, oder vielleicht auch deswegen bin ich aus diesem Bild herausgefallen, passe nicht mehr hinein und darf es nur ansehen.

„Sei nicht traurig“ tröstet mich das Schmuddel Mädchen. Ihre kleine Hand drückt zutraulich die meine. „Wir gehören trotz dem zusammen, nicht wahr?“ Ich bin mir da nicht so sicher. Vertraut ist sie mir schon, aber irgendwie unantastbar fern, vielleicht sogar doch ein bisschen fremd, wie eben die Vergangenheit sein kann, unveränderbar und streng urteilend. Dreißig Jahre sind lange Zeit, lassen sie sich überbrücken mit dem Händedruck und Lächeln eines Kindes? Sie lässt mir nicht Zeit zum Nachdenken, „gehen wir weiter?“ drängt sie.

Wir befinden uns vor einer weißen Treppe. Spanischer Saal: Der Prunk der Stuckaturen, Vergoldungen, Glitzer von Kristallleuchter,  Glanz des kunstvollen Parkettbodens. All das bringt meine Gedanken in der Zeit weit zurück, wo dieser Saal regen Gebrauch genoss. Die Bälle und Empfänge! Die tolle Roben der Damen, der Prunk und Intrigen des Hofes! Das ist die Geschichte des Saales, aber auch da ist meine kleine Geschichte, auch mit ihm verbunden.  Hunderte Jahre später, dennoch für mich auch Geschichte, weil es sicher etwa 37 Jahre zurück liegt.

Da steigt die weiße Treppe hoch eine zwölfjährige, es war der 1.Januar 1958, in der Hand hielt sie eine Einladung des Präsidenten zum Neujahrsempfang, welches der Präsident jedes Jahr gab für die besten Schüler des Landes.  Alle ordentlich angezogen mit pionier-uniformen, außen tadellos ordentlich, innerlich aufgewühlt und unruhig.  Wie soll man sich benehmen? Was sagen? Wohin mit den Augen? Wohin mit den Händen?

Zuerst kam die Führung durch die verschiedene Säle, dann Gruppendiskussionen mit den verschiedenen Regierungsmitgliedern. Dann die Krönung: der Empfang des Präsidenten im Spanischen Saal, seine Wünsche, sein Händedruck. Irgendwie war ich verlegen, all das für gute Noten in der Schule? Es war mir zu wenig für die große Ehre, die mir erwiesen wurde und ich versprach mir da, dass ich dafür zusätzlich was Großartiges vollbringen werde. Was das sein würde, das wusste ich nicht, auf jeden Fall, sicher eine Heldentat.

Das Finale fand statt in einem uralten Saal mit gotisch gewölbter Decke. Lange, weiß gedeckte Tische, darauf Kuchen und Kakao, ringsherum Lichter und Fernsehleute mit ihren Riesenkameras.  Ich war so aufgeregt, dass ich kein Bissen hinunterbrachte. Da blieben sie plötzlich vor mir stehen mit all dem Fernsehklimbim, kämmten mir schnell die Haare und fingen mit den Anweisungen an: „Trink vom Kakao! Beiße in den Kuchen (den Kuchen haben sie meinem Nachbar weggenommen, meinen hatte ich nämlich schon verschenkt), nicht so schnell! Nochmals alles! Und, denk daran! Langsam! Soo, Jetzt! Trink Kakao! Beiße in den Kuchen! Langsam! Bravo! Das ist schön! Jetzt lächeln! Nicht hierher schauen! Sag etwas zu deinem Nachbar!“ „Prrzzz, guch, guch!!!“ Ich habe mich verschluckt und fing an zu husten, lief rot an und war am Ersticken. Die sind nur schnell weitergefahren mit ihren Kameras. So ein Patzer, ich könnte im Boden versinken. „Werden die das auch in Fernsehen zeigen?“   „Nein, das schneiden sie aus, Du wirst drin nicht erscheinen, Du hast es verpatzt.“ Diese Blamage war mir heute noch unangenehm und verdarb mir die Laune. „Ich war trotzdem in Fernsehen, die haben nur den Husten herausgeschnitten. Die Nachbarin hatte es gesehen und überall erzählt.“ Vernahm ich die trotzige Stimme hinter mir.

Komm, wir gehen in das Goldene Gässlein, dort ist es schöner“. Und schon sprang sie die Weiße Treppe zwei, zwei hinunter. Ja, das Goldene Gässlein, das macht Freude! Ein bisschen Märchen, ein bisschen Wirklichkeit aus ferner  Vergangenheit. Unterwegs stellte ich mir die niedrigen Häuschen vor, jedes eine andere Farbe, innen die uralte Einrichtung vergangener Zeiten und große Puppen angezogen mit Kleidern von damals, starr geblieben in irgendeiner Posse der Beschäftigung vor Jahrhunderten. Alchemisten, Söldner, arme Frauen Stickerinnen, sogar ein kleines Kind in der hölzernen Wiege, ja sogar den moderigen Geruch der Vergangenheit hatte es.  Ich erinnerte mich an das dämmrige Licht, dass sich mühsam durchdrängte durch die kleine Fensterchen dieser kleinen Häuschen.

Schon hüpft die Kleine über das holprige Kopfsteinpflaster und steht wie angewurzelt vor der Türe des ersten Häuschens. „Die haben es weggenommen!“ Haucht sie nun sprachlos von der Enttäuschung. Hinter mir höre ich eine unangenehme Stimme einer Fremdenführerin. „Früher haben die Menschen sich erzählt, dass in diesen Häuschen die Alchemisten wohnten und hier versuchten Gold herzustellen und anstatt dessen haben sie den Sliwowitz erfunden. Natürlich ist es aber nicht wahr. Anscheinend haben hier ursprünglich Soldaten der Burgwache gewohnt und später wegen der billigen Miete nur die armen Studenten, darunter sogar Franz Kafka. Heute sind in diesen Häuschen kleine Souvenirläden untergebracht. Wenn sie interessiert  sind, sehen sie sich um.“

„Die haben uns unser Märchen weggenommen!“ Jammerte die Kleine und fiel mir in die Arme. „Das ist doch alles nicht wahr, was sie da sagt! Das ist doch alles so gewesen, wie wir es kennen, nicht wahr?! Warum haben sie die Puppen weggenommen und was sollen die Krämerläden hier? Sag doch was!“ Sie schüttelte mich und stampfte mit den Füssen. Das ist es, was ich befürchtete. Etwas, was verlorengegangen ist während meiner Abwesenheit. Ein ganzes sagenumwobenes Gässlein ist verloren gegangen. Wie soll ich das arme Ding trösten? Ich selbst bin untröstlich!. Ich flüchtete mich zu einziger Waffe, die mir blieb, der Sturheit. „Weißt Du was? Wir wissen doch wie das war und die können meinen was sie wollen. Die Puppen sind zwar weg, aber wir haben sie nicht vergessen. Aber das Goldene Gässlein so wie es heute ist, das vergessen wir ganz schnell! So ist es! Einverstanden?“  Ich reichte der kleinen ein frisches Taschentuch und nahm sie an der Hand: „Hier haben wir nichts mehr verloren.

 

„Wohin gehen wir jetzt? Ich mag nicht mehr, ich hab Hunger“ Die kleine fing an ihre Füße zu schleifen, die ganze Freude war weg. „Gute Idee, gehen wir was essen, worauf hast Du Lust?“ „Knödel mit Dillsauce – zwei ohne Fleisch“ – klang von uns beiden gleichzeitig. „Du weißt es noch?“ Die Freude kehrte langsam wieder in ihr Gesicht. „Ich zeige Dir was. Komm schnell!“ Die Spannung der Erwartung hat ihre Enttäuschung Müdigkeit verjagt.

Wir verließen eilig den Palast, durchquerten die Anlage davor und tauchten in die Sträßchen der Gartenstadt unterhalb Hradschin hinein. Diese führten uns nach Dejvice, das Stadtviertel meiner Geburt und Kindheit. Wir bogen in ein solches Sträßchen, welches steil bergab führte „Tychonova!“, lese ich an der Ecke „das ist doch…“, „Ja. Weißt Du jetzt?“ und da stehen wir schon davor.

Wie könnte ich es vergessen, die ersten Jahre meiner Erinnerung überhaupt. Meiner ersten Schlägereien, meine ersten Kontakte mit Märchen, Konflikte mit einem schwierigen Wort „Disziplin“, vergleich mit anderen,  Konkurrenzkampf und schließlich warten, warten bis mein Vater mich abholte von diesem verhassten Ort. Wie oft habe ich mir vorgestellt, dass meine Mutter aufgehört hat zu arbeiten, und ich nicht musste jeden morgen früh aufstehen und  in der Kälte gehen einen für die kleinen Füße recht weiten Weg bis hierher. Ich träumte davon, dass ich frei auf der Straße spielen konnte und am Mittag aus dem Fenster von der Mutter zum Essen gerufen wurde und dann wieder draußen spielen konnte. Statt dessen  ein immer gleicher Rhythmus: Kommen, schwieriger Abschied( das Gefühl, wie ein lästiges Paket abgestellt zu sein), umziehen, Hände waschen, frühstücken, auf die anderen, die später kamen warten, spielen mit den zugeteilten, tausendmal gebrauchten kaputten Spielsachen, Händewaschen, Mittagessen, der verhasste Mittagschlaf auf harten Liegen, mühsames Aufwachen, nach dem es einem gelang endlich einzuschlafen, anziehen, Spazierengehen, Rückkehr. Die Magengrube zog sich zusammen: kommt Papa früher? Oder bin ich wieder die letzte die Heim darf? Wir sitzen auf dem Boden und hören gespannt der Lehrerin zu. Sie liest ein spannendes Märchen. Ab und zu werden wir unterbrochen durch Eltern, die kommen ihre Kinder abholen.   Meist hörte ich alle Märchen zu Ende und wartete weiter. Draußen wurde es dunkel, immer noch nichts, bis es endlich soweit war, glaubte ich es fast nicht mehr. „warum kommst Du  immer so spät?“ „Ich hatte zu arbeiten, es ging nicht früher, komm schnell, Maminka wird auf uns warten mit dem Nachtessen.“

Die Tage glichen sich, gezeichnet durch warten, warten bis man groß wurde und in die Schule ging, alleine und musste nicht gebracht werden und abgeholt… wie ein Paket; „ist das alles worauf Du Dich erinnerst?“  unterbricht mein Gedankenfluss die Kleine. „Und den Präsidenten hast Du vergessen?“ Fragt sie betroffen.

Das war November, oder Dezember? Winter jedenfalls. „Kinder! Zieht Euch an, unser geliebter Genosse Präsident ist gestern gestorben. Wir werden uns von ihm verabschieden. Niemand darf sprechen, alle halten sich an den Händen und niemand darf lachen. Alle müssen traurig sein und weinen, denn das ist sehr traurig, dass er gestorben ist und wir alle haben Angst, was wird nun weiter geschehen mit unserer Republik.“ „So ein schwieriges Wort: Re-pu-bli-ka…“ Am Hradschin angekommen, hatte es eine riesige Schlange gegeben.  Menschenmengen, die Abschied nehmen wollten, die meisten waren sehr traurig, manche weinten. Ich versuchte es auch, aber es wollte nicht klappen. Dieser Genosse Präsident war mir gleichgültig und überhaupt, was bedeutet es: gestorben, tot? Ich hatte kalt und es war mir langweilig in der Reihe zu stehen, sprechen dürften wir auch nicht. Es dauerte Stunden, bis wir in den Saal eintreten  konnten, wo der Leichnam aufgebahrt war. Mit schlürfenden Schritten, wortlos zog die Menschenmenge um den gläsernen auf einem Podest stehenden Sarg. Drinnen lag ein Mann mit Schnauz, mit ganz weißem Gesicht. Seine Augen waren geschlossen, als ob er geschlafen hätte. „Vielleicht deswegen darf man nicht sprechen, damit man ihn nicht weckt“, dachte ich. „Was bedeutet den „Tot“ sein? Vielleicht, wenn man in einem gläsernen Sarg liegt, dann heißt es „Tot“, wie Schneewittchen, das war auch im gläsernen Sarg. Küssen! Ja, man müsste ihn küssen! Dann wäre er wieder wach, hm lebendig wie es in dem Märchen war. Manche Menschen haben sich emporgestreckt und küssten den Sarg. Schon öffnete ich den Mund um zu sagen: „Nicht den Sarg, Ihn müsst Ihr küssen! Sonst wacht er nicht auf!“ Ein Schubs von hinten von der wütenden Lehrerin erstickte den guten Rat in Keim. „Dann eben nicht…“ Dachte ich trotzig. Es kam mir immer noch nicht zum Weinen.

Auf dem Rückweg ausbrach in mir die Tatkraft. Ich war froh endlich weg zu sein aus der düsteren Atmosphäre, packte die Kappe eines Kindes, das vor mir lief und warf sie in die Höhe mit einem befreiendem Indianer Geschrei. Aber wehe! Plötzlich kam eine eisige Windböe, nahm die Kappe und trug sie weit über die Mauern des Präsidenten Palastes. Alle erstarrten über diese schreckliche Tat. Die Lehrerin fiel über mich mit einem tadelnden Wortschwall, bis ich mich ganz elend fühlte. Im Kindergarten angekommen, musste ich in der Ecke stehen und alle durften über mich schimpfen. Da habe ich tatsächlich an diesem Tag geweint. Niemand hat es gesehen. Die Freude tat ich keinem. Ich weinte in mir drinnen und es tat unsäglich weh… Ich war alleine und niemand half mir.

„Bist Du jetzt zufrieden?“ Schnauzte ich die Kleine neben mir an, packte sie an der schmutzigen Hand und zog sie weiter, weg von dieser Stelle, die ich lieber nicht besucht hätte.

 

 

Als wir uns der  „Staub Brücke“ Prasny Most näherten, verlangsamte ich unwillkürlich den Schritt. Die grünen Büsche an den Seitlichen Hängen unterhalb der Brücke riefen in mir Erinnerungen an „Zeiten der Großen Kriege“. Angefangen hat es in dem Park ein Stückchen weiter unterhalb der Brücke. Nach der Schule war es ein Sammelplatz für Kinder aus der ganzen Gegend. Diesen Platz belagerten die größeren Kinder. Die kleinen spielten in einer Anlage unweit von hier, aber doch anderswo. Der Park, wo die größeren spielten, war ideal für ihre Spiele. Die Wälle vor der Brücke bildeten eine natürliche, gut geschützte halbkreisförmige Böschung, die unter den Büschen voll natürliche Verstecke war. Dazwischen ausgetrampelte Pfädchen. Um diese Verstecke haben die sich gebildete Gruppen von Kindern ein verbitterten Kampf geführt. Unsere Gruppe hat wieder einmal verloren. Ich war wütend. Das war nicht das erste Mal. Wir sind einfach schwächer gewesen. Da stand ich, schnaubend wie ein Elefant nach Olympiade, zerrissene Kleider, zerzauste Haare. „Das passiert mit nicht noch einmal!“ Schwor ich mir.  Wir suchen uns unsere Höllen.“ Versprach ich uns. Wir kletterten den Hang hinauf und überquerten die Brücke. Die Böschung auf der anderen Seite war dichter, der Hang etwas steiler, die Verstecke unter den Büschen uneben, aber das alles ließ sich gestalten und machte Spaß. Und das wichtigste, niemand spielte dort. Das hieß, es gehörte uns und das ganz ohne Kampf. Wir konnten uns die besten Plätze (Höllen)aussuchen. Das taten wir auch und die nächste Zeit verbrachten wir mit der Einrichtung unserer Räuberhöhle. Bald gab es auch hier ausgetrampelte Pfädchen. Den Eingang zur Höhle haben wir aber schön getarnt. Das ganze Unternehmen blieb natürlich nicht geheim. Wir haben mit unserem „Geheimnis“ auch entsprechend angegeben. Bald kam auch die erste kriegerische Auseinandersetzung von der gegenüberliegenden Seite. Das war ein harter Kampf und wir waren wieder am Verlieren, bis es plötzlich zu einer Wende kam. Ein paar von unseren „Feinden“ haben sich auf unsere Seite geschlagen und somit haben wir dann doch zum Schluss gewonnen. Es blieb natürlich nicht bei einem dieser Kämpfe. Die haben sich regelmäßig wiederholt und siehe da, wir hatten immer mehr „Überläufer“ in unseren Reihen aufgenommen.  Ich war die Anführerin (habe ich doch die neuen großartigen Höhlen gefunden) einer großen  Gruppe Kinder geworden. Nur jetzt wurden die Sachen plötzlich schwieriger. Da alle Krieger auf unserer Seite waren, haben wir als einzigen Feind den übriggebliebenen  Anführer  gehabt. Wir alle gegen einem, das war Unehrenhaft. Das hätte auch keinen Spaß gemacht und so hatten wir plötzlich nichts zu tun.  Wir haben uns gelangweilt und da kam die Rebellion.  Nicht alle wollten mir folgen und plötzlich merkte ich, dass sich die meisten Kinder in verschiedene Grüppchen geteilt hatten und einige von ihnen nach meinem Platz als Anführerin trachteten. Die Moral wurde schlechter und ich musste feststellen, dass einige aus meiner Gruppe, die „Spione“ von der anderen Seite der Brücke waren. Sie waren verantwortlich für die „Revolte“ in meiner Gruppe und versuchten meine Leute auf die andere Seite zu locken. Und das bitte ohne Kampf. Als es dann zum Schluss zum Kampf gekommen war, kam es zu Katastrophe.  Wer nicht überlaufen war, wurde gefangengenommen und zum Überlaufen gezwungen. Plötzlich merkte ich, dass ich ganz alleine war. Ich behauptete mich gegen einer überzahl und sagte es auch. „Dann ergib Dich endlich und komm zu uns!“ Die Freude wollte ich ihnen nicht machen. Die Helden in meinen Büchern, die ich gelesen habe, haben sich nie ergeben. Aber was tun? Gewinnen konnte ich auch nicht. Ich saß da und grübelte nach.  Die Lösung, die mir damals kam, könnte vielleicht die Menschheit  von manchen Kriegen retten. Nur wurde sie leider nicht in breiter Masse ausprobiert und angewandt. Wenn ich zu Euch komme, sind wir wieder alle eine Gruppe. Dann können wir keinen Krieg führen und müssen wir alle einem Anführer folgen und das ist langweilig. Ich spiele nicht mehr mit, ich gehe Heim.  Die Böschung ist wieder überwuchert und um die Brücke ist es still geworden.

„Wir fanden andere Spiele“. Die Kleine setzte sich in eine Öffnung an der Brüstung der Brücke. Das Mäuerchen an beiden Seiten der Brücke hatte regelmäßige runde vergitterte Öffnungen. Wenn früher die Dampfzüge unten durchfuhren, drängte sich der Rauch aus ihren Kaminen auf die Straße oben auf der Brücke durch die Öffnungen. Als Kinder haben wir darauf gewartet, druckten uns in die Löcher und spuckten auf die durchfahrenden Züge. Lustig war auch das Zählen der durchfahrenden Wagen und zu beobachten was sie geladen hatten. Dass wir nachher ganz verrußt  und verraucht waren, war uns gleichgültig. „Du wartest umsonst.  Hier fahren sicher keine Züge mehr. Der kleine Bahnhof ist sicher verlassen und außer Betrieb.“ „Das stimmt nicht!“ Erklang trotzige Antwort aus der Öffnung. „Die fahren schon,  nur sind das keine“ Dampfloks“, sondern Diesellokomotiven. „Gut“ gab ich nach, „aber, komm jetzt, wir wollten doch essen gehen“ griff ich zur List. Das wirkte fast augenblicklich und wir gingen weiter.

„Warum machst Du so einen großen Bogen um unser Haus?“ Wundert sich mein kleiner Schatten, als ich in die kleine Seitenstraße eingebogen habe um tatsächlich einen Umweg zu machen, damit ich Unterwegs gewissen Sachen aus dem Weg gehe. „Mal musst Du doch hin.“ Sagte sie überzeugt. „Nur nicht drängen!“ Antwortete ich beschämt, weil ich mich ertappt fühlte. Eine Erklärung wollte ich aber dennoch nicht geben. Sie wusste es sowieso. „Wo gehen wir essen?“ In die Akademie? Dort? Da ist es aber teuer. Hast Du so viel?“ „Ich glaube schon. Die anderen sind um diese Zeit wahrscheinlich voll… oder gibt es die inzwischen gar nicht?! Oder wie?“ „Der „Zival“ vielleicht?“ „Nein!“ Schnitt ich schnell ab.  „Das war mir zu gefährlich, zu nahe an einer Konfrontation, die ich momentan versuchte zu vermeiden. „Gehen wir durch die Dejvicka!“ Der Gedanke daran erweckte in mir angenehmere Erinnerungen. Dejvicka, war eine verhältnismäßig breite Straße, voll von verschiedenen Geschäften, deren Vitrinen zu studieren, für mich eine angenehme Beschäftigung war. Außerdem hatte es auch ein sehr großes Schaufenster mit den Programmen und Filmfotos von allen Kinos der ganzen Umgebung. Auch das regte ganz angenehm die Fantasie einer damals 8-12jährigen.  In dieser Straße gab es alle die Lieblingsgeschäfte, die man sich in diesem Alter nur wünschen konnte. Da war: Konditorei, Schreibwarenhandlung, Spielzeugladen, Buchhandlung, Sportgeschäft, Kiosk mit Zeitschriften, und! Das erste Schnellimbiss in der Geschichte der Gegend überhaupt.

Aber, das interessanteste war ein kleiner Laden in der Seitenstraße der Dejvicka. Es war des Schusters laden. Da hat meine Reise in das Schlaraffenland der Vitrinen Schau immer angefangen. Der alte Mann saß immer auf seinem Schemel und hämmerte kleine Holzkeilchen in die Sohlen der Schuhe. Die Keilchen hatte er im Mund und als er meine Begrüßung erwiderte, haben diese gefährlich gewackelt, herausgefallen waren sie aber nie. Auf der Seite, auf einem Haufen alter Schuhe, welche auf die Reparatur warteten, schnurrte eine große gescheckte Katze. Ich nahm sie in die Arme, setzte sich auf den Schuhhaufen und erzählte alle Neuigkeiten. Manchmal durfte ich auch irgendein Werkzeug reichen oder sogar in die vorgelochten Sohlen die Holzkeilchen stecken. Dann erinnerte ich mich an das Ziel meines Spazierganges und verließ eilig den herrlich nach Leder und Leim riechenden Laden. Unterwegs stellte ich mir vor, ich wäre unsichtbar und könnte in alle Läden hinein gehen, nehmen was ich wollte und niemand hätte gewusst, wer das war. „Ja, aber die Verkäufer hätten doch gemerkt, dass etwas fehlte und hätten sie vielleicht irgendjemanden unschuldigen verdächtigt.“ Kamen mir dann die Zweifel. Die Versuchung war aber groß. Meine Nase klebte an dem Glass der Vitrine. „Welche hätte ich den zuerst probiert? Die roten Bonbons, die Violetten oder die Weißen? Und was ist mit den Kuchen? Nicht so? Ja, die Mohrenköpfe vielleicht.  Ein paar wären nicht schlecht.“ Ich habe direkt gefühlt, wie sie im Mund zerliefen. „Du dort! Gehe weg von der Vitrine! Schau mal die Abdrücke! Jetzt muss ich das wieder putzen!“ Ich kehrte ungerne aus meiner“ Unsichtbarkeit“ zurück, als die Angestellte so über mich herfiel, entfernte mich ein bisschen von der Vitrine… dann aber entschied mich blitzartig. Ich schlüpfte schnell noch einmal in meine unsichtbare Rolle zurück, ging in das Geschäft und zertatschte alle Kuchen samt der Mohrenköpfe: „So, jetzt habt Ihr das!“ und lief weg zum nächsten Posten.  Schreibwarenhandlung, da roch es auch ganz gut. Irgendwie-gebildet und ordentlich. Ich liebte neue Hefter und Bleistifte. Nur irgendwie verlor ich sie immer, oder sie wurden ganz kaputt und zerschlissen. Jedes Mal habe ich mir vorgestellt, wie schön ich hinein schreiben würde mit diesem schönem Füllfederhalter dort aus der Vitrine, wie auch etwas malen mit diesen tollen Farben in dem schönem Farbkasten dort… aber in die Schule würde ich es nicht mitnehmen, da wäre es langweilig. Weiter ging es ähnlich bei den Spielsachen. Da habe ich aber festgestellt, dass Spielsachen ohne Spielgefährten nichts taugten. Doch da hat meine Fantasie nachgeholfen. Plötzlich waren wir in dem Laden eine ganze unsichtbare Bande. Da ging es aber bunt zu. Ich lachte für mich mit der Vorstellung wie die Verkäuferinnen geschaut hätten, als sie gemerkt hätten, dass die Spielsachen plötzlich lebendig wurden, die Ballen umher flogen, Puppen in den Puppenwägelchen herum fuhren, Autos und Lokomotiven vorbeisausten und Trommeln mit den Trompeten einen riesen Krach machen würden. Im Sportgeschäft habe ich mir im Augenblick meinen  größten Wunsch erfüllt.  Schlittschuhe.  „Ich habe mir lange dafür gespart und bekam sie dann zu Weihnachten, weiß Du das noch?“ Wie könnte ich es vergessen?! Den Stolz endlich mein Traum erfüllt zu bekommen!? Als ich sie dann anhatte, die ersten Schritte darauf, die Stürze, die ersten Erfolge! Ich druckte die kleine Hand. Wir erlebten es beide wieder. Es war so schön!  Dann die Kino Vitrine. Ernsthaft studierten wir die Fotos.“ Da läuft das gleiche wie bei uns in der Schweiz!“ Stellte ich enttäuscht fest und wandte mich ab.“ Bücherladen schauen wir uns das nächste Mal an, sonst kommen wir nicht zum Essen.“ Entschieden wir und gingen schnell Richtung „Siegesplatz“ wo das Restaurant der Militär Akademie war. Damals eins der besten, heute recht heruntergekommen. Etwas zu essen finden wir dort aber sicher.

 

  

 

 

  1.                                                                                          

„Was hast Du?“ Fragte ich die die Kleine, die zusehends unruhig wurde und drehte sich ständig um, als ob sie jemand jagen würde. „Nichts, nichts“ antwortete sie erschrocken, „ich sehe es doch! Mich kannst Du nicht anlügen!“ Sie sagte es mir doch nicht, nur versuchte sich nicht umzuschauen.

Das Restaurant war drinnen wie ich mich daran noch erinnern konnte. Großer Raum, getäfelt mit dunklem Holz. Teil der Wände grün angestrichen, die Decke mit weißen Stuckaturen verziert, die Beleuchtung durch schwere Kristallleuchter. Stühle und Bänke bezogen mit dunklem, heute durchgescheuertem Leder. Tische aus massivem Holz, Kanten belegt mit Messing. Alles roch nach Essen und Bier. Die Fenster hatten die gleichen Vorhänge wie damals, aus schwerem grünem Samt, von der Sonne recht angegriffen. „Haben sie Knödel mit Dillrahmsauce?“ „ Mit gekochtem oder gebratenem Rindfleisch.“ „Ohne Fleisch bitte!“ kam fast gleichzeitig aus beiden Munden. „Und zu trinken?“ „Wasser“ Die Serviertochter ging. Die Kleine streckte sich genüsslich auf der Bank, schaute sich neugierig um. Ich wunderte mich. „Weißt Du nicht mehr wann wir hier gegessen haben?“ Sie schaute mich erschrocken an. „Ja, jetzt weiß ich das wieder.“ Fast tat es mir leid, dass ich sie daran erinnerte. Dass war das erste mall, dass wir in unserer Familie das Wort „Tod“ erlebt haben und dies auf sehr unerwarteter Weise.

Plötzlich aus heiterem Himmel kam aus der Nachbarschaft ein Telefonanruf, wir selbst hatten  damals kein Telefon. Erschrocken und bleich kam meine Mutter zurück.  Vater war noch nicht von der Arbeit zurückgekehrt. Uns hat sie nichts gesagt, aber wir haben schon verstanden, dass etwas Ernstes passiert sein musste. Alles fiel ihr aus den Händen. Das Abendessen wurde vergessen. Erschrocken blickte meine Mutter die Großmutter an, die in ihrem Sessel zufrieden schlummerte. Schon lange hatte die schwere Arteriosklerose unsere Großmutter von unserem bewegtem gemeinsamem Leben Abseits gestellt. „ Was war nur passiert, dass es mit der Großmutter zutun hatte?“ rätselten wir alle drei und versuchten das zu erfahren, aber es war nichts zu machen. Kein Wort ist über die zusammengepressten Lippen gekommen. Wenn sie wenigstens etwas gesagt hätte, ein Anhaltspunkt! Endlich kam der Vater Heim. Voll Freude haben wir ihn empfangen. Als er die Mutter küsste, sagte sie etwas zu ihm auf Französisch. „Oha!“ Da wussten wir, da würden wir wieder nichts erfahren, denn außer Russisch, kannten wir keine andere Fremdsprache. Die Eltern aber konnten sich auf fünf verschiedenen verständigen. Zu dem schlossen sie sich in der Küche ein und das hatte ein Grund. Als die beiden aus der Küche herauskamen, waren sie mächtig verschnupft. „Warten wir mit der Großmutter auf den Pepa.“ Das war Vaters Bruder, unser Onkel. „Kommt er also!“ Wir freuten uns, wenigstens etwas in Erfahrung gebracht zu haben. Wir liebten unseren Onkel und seine ganze Familie. Außerdem, ein bisschen Abwechslung würde nicht schaden.

Die nächsten paar Tage geschah nichts. Nur durften wir Zuhause nicht lärmen, nicht Musik anlassen und Mutter hatte ständig Kopfschmerzen und Vater auch. Beide waren traurig, das sahen wir. Dann kamen sie plötzlich alle. Die Familie von Onkel Pepa und auch die Familie von Tante Maria, der Schwester von Vater und Onkel Pepa. Nur Tante Maria war nicht dabei. Als wir Onkel Wenzel gefragt haben wo sie ist, hat er auch Schnupfen bekommen. Und überhaupt waren sie alle irgendwie komisch und alle trugen sie schwarze Kleider.“ Ist den jemand gestorben? Wer denn?“ Uns Kinder haben sie ins Kinderzimmer geschickt.  Nach einer Weile sind die Erwachsenen weggegangen und meine ältere Schwester und die gleichaltrige Kusine angewiesen auf uns jüngere aufzupassen und sich anständig zu benehmen.  Das war die Gelegenheit! Die Kusinen wussten sicher Bescheid. Endlich würden wir es erfahren! „Was ist denn passiert? Warum tun die alle so komisch und wo ist die Tante Maria?“ Fragten wir eindringlich. „Wisst Ihr denn das nicht?“ „Nein, sagt das endlich!“ „Tante Maria ist Tot…“ Was heißt das „Tot“? War sie krank? Oder, hatte sie ein Unfall gehabt?“ Nein, nichts von beiden“ sensationsträchtig berichteten beide Kusinen. „Sie hatte Selbstmord gemacht. Erhängt hatte sie sich. Sie hatte nicht ertragen, dass die Regierung den Onkel strafversetzt hatte in ein Hinter Dörfchen irgendwo an der Grenze und sie musste in einer halbzerfallenen Baracke wohnen anstatt in ihrem schönem Häuschen wie vorher. Die Schule wo Onkel dort lehren musste war auch schrecklich. Das war es! Euch hat man es nicht gesagt, damit Ihr es nicht der Großmutter  ausplaudert. Sie wollten ihr das sagen nach dem Begräbnis, vorsichtig, damit sie nicht der Schlag trifft, war doch ihre Tochter, ihr Kind…“  Wir standen da, als ob uns der Schlag getroffen hatte. Was Tod ist und was Selbstmord, haben wir aus den Büchern gewusst, aber das passiert doch nur in Bücher, oder in Kino, aber nicht in Wirklichkeit und nicht uns! „Sie werden sie verbrennen und die Urne- das ist das Gefäß, wo die Asche nachher hineinkommt, kommt auf das Familiengrab bei uns im Dorf.“ Erklärte weiter Dana, die ältere Kusine. Ein Schauer lief mir über den Rücken. „Das ist nicht wahr! Das hast Du Dir dazu gedichtet! Tote tut man in die Erde begraben in einem Sarg!“  „Ja, so war das vorher, aber das ist scheint’s die neue Anordnung der Regierung. Mein Vater hat das gesagt und der muss es wissen.“ Schnitt Dana jegliche Zweifel ab.

Ich setzte mich in ein Eckchen von Zimmer und wollte nichts mehr wissen. Ist es denn möglich?! Meine liebe Tante Maria gibt es nicht mehr? Wird sie nie mehr die duftenden Kuchen backen? Die kleinen herzigen Häschen im Hof versorgen? Die Hühner zum Füttern rufen? Die duftende Mahlzeit für die kleine Entchen zubereiten, Wäsche auf der Wiese Weiseln, mit der Nachbarin auf der Straße diskutieren, den Mädchen in der Dorfschule Handarbeit beibringen?  Ist es möglich, dass ein Mensch so einfach von der Welt verschwindet? Es war mir, als ob der Todesengel seine schwarzen Flügel über uns ausgebreitet hatte. Der Tod war so nahe! Er ist aus den Büchern, aus der Kinowand herausgekommen, bedrohlich, wirklich, endgültig, alles nehmend, was wir liebten, eine Leere zurücklassend. „Onkel wird jetzt bei seiner Tochter Alenka leben. Unserer Kusine, die wesentlich älter als wir war, bereits verheiratet und Mutter von 3kleinen Kindern war. Diese nahm sie nicht mit, was verständlich war. Unter diesen Umständen schickte man den verwitweten Onkel  in Frührente und er muss nicht wieder zurück in dieses Dorf.“  Vernahm ich von dem anderen Ende des Zimmers. „Nach dem die zurückkommen von dem Begräbnis, gehen wir alle gemeinsam essen in ein Restaurant. „Totenschmaus“ heißt das und dann sagen sie das der Großmutter.“

Die Serviertochter brachte das Essen und riss uns in die Gegenwart. „Damals war es Wienerschnitzel mit Kartoffelsalat und als Dessert gab es Apfelstrudel. „Tante Maria machte ihn so gut!“ sagte die Kleine und stocherte lustlos in den Knödeln. „Wir saßen alle versammelt um ein großen Tisch, dort in der Ecke“ zeigte sie mit der von Sauce triefenden Gabel. „Totenschmaus“… wiederholte sie nachdenklich „Blödes Wort!“ „Na hör jetzt auf und iss, Du hast doch Hunger gehabt oder?“ Das was ich nicht sagte, sie aber auch sowieso wusste: mir ist der Hunger auch vergangen. War eben Fehler hierher zu kommen. Wie konnte ich es nur vergessen?!

„Vitezne Namesti“ Las ich auf der Tafel. „Matejska Pout!“ lautete es zweistimmig. Obwohl es jetzt Sommer war, wir hielten uns an der Hand und um uns wurde es bissig kalt. Der Platz verwandelte sich langsam. Der Boden wurde Nass von rutschigem Schneematsch und von oben fiel der Schnee genauso grau und schmutzig, wie er bereits am Boden lag. Überall standen Buden, Karussell und mitten im Platz ein Riesenrad. Das war die Attraktion des Jahres für alle Kinder. Die Buden standen weit bis in die Dejvicka Strasse eine neben der andern. Die Eltern gaben es während dieser Zeit auf, ihre Kinder rechtzeitig daheim zu sehen. Kaum kamen wir aus der Schule, zog uns der Platz magisch an. Das Geld, welches wir uns das ganze Jahr über ersparten, verschwand dann auch schon in den ersten Tagen. Ein paarmal Zuckerwatte, Türkischen Honig, Schaukeln, Karussell, Geisterbahn, und das war es. Dann haben wir zugeschaut den anderen, die noch Geld übrig hatten und konnten sich weiter Attraktionen leisten. Für uns, die nunmehr “ Mittellosen“ begann aber erst jetzt das eigentliche Abenteuer: wer 100 weggeworfene Tickets von Karussell egal welcher Art gesammelt hatte und an der Kasse abgegeben, durfte ein mall gratis fahren. Gute Möglichkeit den Platz sauber zu halten, denn die kleine Tickets klebten nur sehr schlecht von dem Schlamm ab. Je länger das Fest dauerte, desto mehr Kinder suchten den Boden ab nach kleinen Papierschnipseln, die ihm in hundertfacher Ausführung eine Karussellfahrt garantierten. Das dumme war, dass so lange man das Geld noch hatte, dachte man nicht an das Ticketsammeln und warf diese weg. So passierte es öfters, dass am letzten Abend des Festes wir sehr spät Heim kamen. Die Eltern waren erbost, wir waren total durchgefroren, enttäuscht und traurig durch die uns von den Eltern aufgelegten Straffen. Nach dem Waschen und schnellem Nachtessen saßen wir zusammengedruckt im Kinderzimmer. „Wieviel hast Du? „ „97 und Du?“ „84 und Du?“ „64 zusammen 245“ Da schauten wir uns an. Hätten wir die Tickets zusammen getan, hätten zwei von uns dreien fahren können und die 45, die hätten wir jemandem schenken können, damit noch ein dritter eventuell die Freude hätte. Zu dem, wären wir auch noch rechtzeitig Zuhause und uns die Strafe erspart. Das wäre logisch. Die Frage war, wer von uns dreien so großzügig wäre und hätte zugunsten der anderen zwei auf die Karussellfahrt verzichtet? „Na…nu vorbei!“ Bis zum nächsten Jahr konnte man die Tickets nicht aufbewahren. Das hieß, die ganze Geschichte würde sich nächstes Jahr wiederholen… oder, wir würden nächstes Jahr weiser???...Wir wurden es nicht.

 

Ich zahlte das Essen und wir gingen unschlüssig, langsam zum Ausgang. „Was jetzt?“ „Ich gehe Heim.“ Sagte leise die Kleine. Sie war geschafft  von den vielen Eindrücken, Erinnerungen und manchen Enttäuschungen. Ich eigentlich auch. „Heim!    Nein!“ Schrie es in mir. Hilfesuchend sah ich mich um und da sah ich Sie. Ich erstarrte. Circa 50 Meter mir gegenüber stand eine Gestalt, die mich ansah, direkt, unbewegt, fordernd, bittend, traurig und doch stolz. Sie mochte höchstens 15 Jahre alt sein. Für ihr Alter hochgewachsen, schlank, ganz in Schwarz angezogen. „Wer?...“ Ich drehte mich um nach meiner Kleinen Begleiterin. Verschwunden. An und für sich wusste ich, dass sie nicht mehr neben mir stand. Ich ahnte auch langsam, wer da vor mir stand. Nur war ich jetzt viel zu müde um mich mit dieser traurigen Gestalt abzugeben, viel mehr hatte ich Angst mich mit Ihr auseinanderzusetzen… noch nicht! Am liebsten überhaupt nicht.“ Wozu bist Du den überhaupt gekommen?“ Dröhnte es in mir. „Ja, aber, noch nicht, nicht gleich jetzt am ersten Tag! Ich bin müde, kann nicht mehr! Will nicht mehr! Ich will mein Kopf unter den Kissen stecken und nichts mehr Heute wissen. Vielleicht doch. Etwas noch!“ Plötzlich fiel mir ein rettender Strohhalm ein: Anrufen! Da Heim! (Das andere Daheim, das weit weg…) aber schützend und aufmunternd. Ich drehte mich schnell um und rannte fast zu der Tramhaltestelle. Die schwarze Gestalt sah ich nicht mehr, dafür zupfte mich plötzlich jemand von hinten an der Jacke. „Kommst Du Morgen wieder?“ Ich drehte mich um. „Feigling!“ Sagten wir zu einander gleichzeitig. Das Tram nahte mit lärm. Ich sprang hinein und rief über meine Schulter: „Morgen früh, auf dem Loreto Platz!“ Aus dem Tram übersah ich den ganzen Platz. Keine der beiden Mädchen stand mehr da.

Im Hotel angekommen, zog ich mich zurück in die unpersönliche Ruhe meines Zimmers, fiel bäuchlings über das große Bett und langte nach dem Telefon. Ich zitterte, dass auf der anderen Seite der Linie vielleicht niemand daheim war und atmete erleichtert auf, als ich die geliebte und vertraute Stimme hörte. „Wie ist es gegangen?“ „Nicht leicht“ Du machst es Dir selbst zu schwer.“ Brauchst Du mich? Soll ich kommen?“ „Nein, nein! Ich schaffe das schon. Mach Dir keine Sorgen. Ich wollte nur Deine Stimme hören, deine nähe spüren, das hilft schon. Das Andere…, das muss ich schon selber schaffen. Ich muss da alleine durch, aber, ich danke Dir. Was machen die Kinder?“ Du weißt, alles in Ordnung. Jeder mit seinen Beschäftigungen. Nichts, worüber Du Dir Sorgen machen musst.“ „O.k., dann schlaff gut und…halt!“ Irgendwie wollte ich mich von der geliebten Stimme nicht trennen. „Wie geht es Dir? Was machst Du?“ „Alles in Ordnung, also, melde Dich wieder, Gute Nacht, ich denke an Dich!“ Und das war es. Enttäuscht legte ich den Hörer ab. Ein bisschen pikiert war Er, dass ich das hier alleine machen will. Nur ich wusste aber, dass Zukunft und Vergangenheit die Entgegengesetzte Pole der gleichen Einheit sind, aber die zusammen zu bringen nur ein Bindeglied vermag und das bin ich. Aber dass dies ohne Schmerz und Eingeständnisse nicht möglich ist, das wusste ich auch, und auch, dass ich das alleine machen musste. Aber jetzt war ich zu müde um groß darüber nachzudenken. Ich wollte mich mit überhaupt nichts mehr auseinandersetzen. Ich wollte nur schlafen, in dieses weiche, wohltuende, schwarze Nichts hineintauchen, darin schweben und überhaupt nirgends ankommen, damit ich nicht ausweichen muss, neue Wege oder Auswege suchen muss. „Schwarz, Schwarz, Schwarz…“ 

Schulklasse. So bekannt die Gesichter meiner Mitschüler. Die Schwarze Tafel, der Lehrer, ein Zeigestab in der Hand. Die Schwarze Tafel kommt näher. Wörter in Kolonnen untereinander geschrieben. Der Lehrer zeigt mit dem Stab. Alle lesen laut: „Tod, Feind, Angst, Übermut, Neugierde, Liebe, Hass!“   „Halt!“ Versuche ich zu rufen. „Die sind nicht alle neu! Die haben wir schon gehabt! Warum müssen wir immer wieder die gleichen lernen?!“ Ich schreie, aber niemand hört mich. Der Lehrer zeigt weiter auf der Tafel und die Kinder sagen laut auf. Schweißgebadet wache ich auf. Warum habe ich eigentlich den Eindruck gehabt, dass ich ein Albtraum hatte? Und warum hatte ich so eine Angst gehabt, warum wollte ich nichts Von diesen Wörtern hören? Ich lag da und grübelte darüber nach. Diese Wörter haben etwas bedeutet. Immer bedeuten Wörter etwas.“ Aber für jeden Menschen bedeuten sie was anderes.“ Antwortet meine innere Stimme „hängt von den jeweiligen Erfahrungen jedes einzelnen. Ein Wort, eine Bedeutung, eine Geschichte, etwas erlebtes, einzigartiges, Persönliches. Das entsprechende Wort ist dann ein Schlüssel für die entsprechende Geschichte, vielleicht längst vergessene oder verdrängte, ist dann eine Erinnerung. So kommt sie dann an die Oberfläche unseres Bewusstseins, ob wir es wollen oder nicht.“ Ich wollte im Schlaf die Geschichte nicht kennen, nicht an die Oberfläche kommen lassen, warum? Die vom Tod, bitte, klar, ist es nichts Erfreuliches. Aber die anderen? Ich grüble nach. Was steckt dahinter? Ich schlafe wieder ein, die Schulklasse ist wieder da. Der Lehrer geht wieder durch die Tischreihen und schaut den schreibenden Schüler über die Schulter. „Schreibarbeit? Nicht übel! Wenigstens wird man die Leistung nicht sofort kommentieren.“ Vor mir liegt ein weises Stück Papier.  Ich schreibe darauf ganz vorsichtig das Wort „Tod“…man hört auf zu leben, man ist nicht da und die Anderen glauben es nicht. Ob es das „Jenseits“ gibt? Und, wie ist es dort? Als meine Tante gestorben war, waren wir alle sehr traurig. Später wurde es besser, man hat nicht ständig daran denken müssen. „Nicht daran denken müssen!“ Ist der Tod etwas wovon man sich fürchten muss? Und  wenn, dann warum? Wenn er den Anderen begegnet, weil man dann einen Verlust erleidet, oder ist es schlimmer, wenn man dem Tod selbst begegnet? Was kommt danach? Ich erinnere mich an ein Bild in einem alten Buch. Es war dort abgebildet ein Raum in einem Dachstuhl eines alten Hauses. Ein Mensch mit verängstigtem Gesicht war in Begriff zu flüchten, schaffte es aber nicht. Eine Gestalt in Form von einem Menschenskelet hielt ihn mit der knöchernen Hand an der Schulter und mit der anderen holte sie aus mit einer großen Sense… schrecklich! Ich fürchtete mich monatelang danach in der Nacht im Dunklen auf die Toilette zu gehen. Dabei war ich in Filmen und sogar in Märchen schon so oft mit dem Tod konfrontiert.  Es war nicht das gleiche. Das betraf mich nicht wirklich…

Dann starb die Großmutter. Ein Ereignis, dass noch weniger wirklich war. Etwas, was in der Vergangenheit geschah, aber erst Heute wahr wurde. Unmöglich? Ich stehe mit meiner jüngeren Schwester vor den Toren des Altersheim.  In einer schneidenden Kälte haben wir uns dahingeschleppt zwei Stunden mit dem Tram, halbe Stunde zu Fuß, in den Händen zwei große Pakete Wäsche. An der Pforte haben wir die Namen gesagt und geduldig gewartet, bis man uns gesagt hätte, in welchem Pavillon wir zu gehen hätten. Die Insassen haben oft gewechselt und es war immer besser, wenn man zuerst fragte, wo sich die betreffende Person  zurzeit aufhielt, besonderes dann, wenn man schon seit drei Monaten nicht dort war. Der Pförtner kommt zurück. „Es ist niemand da mit diesem Namen“ sagt er. „Das ist nicht möglich! Wir kommen hierher nicht zum ersten Mal!“ „Wann sind sie da gewesen, zum letzten Mal?“ „Vor drei Monaten.“ Da war doch die große Grippeepidemie!“ „Ja, eben, hat uns auch erwischt und einiges mehr…“ „Schauen wir doch mal in die Liste der Abgänge. Na, bitte, da ist sie!“ Der Pförtner gab sich zufrieden. „Und das wussten sie nicht?!“  „Was wussten wir nicht?“ „Dass eure Großmutter schon seit zwei Monaten gestorben ist und begraben.“ „Begraben? Von wem?“ „Ein Moment!“ Der Pförtner beugte sich über seine Bücher. „Abgeholt wurde sie von ihrem Sohn. Wahrscheinlich hat er sie auch begraben und Euch nicht benachrichtigt.“ Wir standen da und fühlten uns wie Teilnehmerinen in einem merkwürdigen Film. „Das war doch nicht wirklich! Konnte da einfach jemand so nahestehender wie die Großmutter aus dem Leben scheiden und man merkt es nicht? Zwei Monate lange?“ Ein Schuldgefühl kommt hoch. „Ihr ward zu weit und zu beschäftigt, zu unbeteiligt! Und jetzt? Was jetzt? Was ist mit den Kleidern? Die Mutter darf das nicht erfahren!“ Wir entscheiden uns rasch.  „In dem Fall schenken wir die Kleider den Ärmeren alten Leuten, die es nötig haben.“ Sagen wir dem Pförtner. Er ist einverstanden und übernimmt die Pakete. Wir verabschieden uns und gehen. Der Mutter haben wir es verschwiegen. Zu der Zeit war sie in sehr schlechtem Zustand nach Vaters Tod, dem Grund für die lange Besuchspause im Altersheim. „Wie geht es der Großmutter?“ Fragte sie, als wir halb durchgefroren gekommen waren, ohne die Pakete natürlich. „Ganz gut, sie hatte gerade die Grippe überstanden.“ Klang die lakonische Antwort. „Wo ist die schmutzige Wäsche?“ „Sie hatte keine. Jetzt waschen sie es dort.“ Logen wir weiter.

„Das ist nicht alles! Das Hauptsächliche hast Du verschwiegen!“ Schimpft der Lehrer. „Ungenügend! Das Wort Tod, bedeutet auch etwas anderes!“ „Nein! Nein!“ Schreie ich im Schlaf. Es nützt nicht.

Ich befinde mich in einem großen Saal vollgeschmückt mit Blumen. Es sieht aus wie im Theater. Es hat eine Galerie für Chor, unten Reihen mit Stühlen besetzt mit ganz viel Publikum, ein Podium voll beladen mit Blumen. Die Menschen sind alle Schwarz angezogen und auf dem Podium mitten in dem Blumenberg steht ein Sarg. Im Hintergrund ein Goldenes Tor. Ich will weglaufen, kann mich nicht rühren. Will schreien, mich wehren, bin aber stumm. Stumm und gelähmt von Grauen, denn ich weiß genau, was nun kommt. Der Chor fängt an zu singen. Der Gesang brennt sich wie Feuer ins Bewusstsein. Die Stimmen werden lauter „Ave Maria“ in Schwarz und Gold ergießt sich dieser Psalm wie brennende Lava in mein Bewusstsein. Dann in Rot die National Hymne. „Mami!“ Sie wird ohnmächtig. „Nein!“ In allgemeinem Aufruhr geschieht plötzlich etwas… Das Goldene Tor geht auf. Der Sarg bewegt sich. Ich sehe die Flammen!   Vielleicht waren es auch keine, aber mein Grauen lässt mich die sehen. Sie glühen, sie verschlingen den Sarg hinter dem Goldenen Tor!  „Tatinku! Tatinku!“  Wieder das Schreckliche Geräusch! Jemand zieht mich aus dem Saal hinaus, redet mit mir, antworte ich? Ich weiß es nicht. In mir ist Stille. In mir ist Leere. Mich gibt es nicht. Als alles vorbei war, riss ich mich von den Anderen los, rannte in den herbstlichen Park. Da stand ich mitten in der  Natur, die sich langsam auf den langen Winter vorbereitete.  Um mich die traurige herbstliche Stille. Es roch nach faulenden Blättern.  Ich fing an zu graben… in meinem Geist. Ich öffnete ein tiefes Grab, legte das Wort „Tod“ hinein und schloss es fest zu.  „Dieses Wort Herr Lehrer, dieses Wort gibt es nicht mehr.“

„So, willst Du die denn alle verschwinden lassen? Was ist mit den anderen?“ „Welchen anderen?“ Ich stellte mich dumm. „Tue nicht so und nimm Dir das nächste vor!“ Ich sträubte mich. „Ich mag nicht mehr. Das ist nicht Fair, das tut Weh. Warum denn wieder alles ausgraben?“ „Nicht widerspenstig  sein!“ Regt sich der Lehrer auf. „Hier ist die Schule des Lebens und die kann man nicht schwänzen!“ Er schlägt mit der Hand auf das leere Blatt Papier und schiebt es mir zu. Ich gebe zögernd nach und schreibe das nächste Wort: „Feind“  In meinem Geist öffnet sich ein Tor und ich gehe durch. Hinter dem Tor befindet sich ein großer Saal. Drinnen stehen lauter Statuen. Ich schaue sie mir alle an. „All das sind Feinde“ sage ich laut und zeige wichtigtuerisch auf die Statuen von SS Soldaten, Amerikanern, Königen… „und? Ist das alles? Bist Du nicht weiter gekommen? Das sind die, welche man Dir gezeigt hat. Selbst hast Du keine gefunden?“ Ich schäme mich. Ich weiß, dass ich mich mit dieser Geschichte nicht befassen wollte. Es wäre so einfach, einfach das, was einem eingebläut  wurde, zu wiederholen und sich dadurch der eigenen Entscheidung zu entziehen.  Es ist auch nicht einfach, jemanden als Feind zu bezeichnen, wo er doch nach außen hin nicht die üblichen Merkmale eines Feindes hat und zu Anfang als unser Freund auftritt? „Nimm mal die Russen. Zuerst kommen sie  1945 und retten Prag. Auf den kleinen Denkmälern an jeder Straßenecke weiß ich  von vielen  Namen junger Russen, die ihr Leben  ein paar Tage nach dem Kriegsende in dieser Stadt verloren hatten.  Und dann, 1968 kommen sie wieder mit Tanks und schießen auf unsere Leute- Kinder deren, die sie vor mehr als 20 Jahren gerettet hatten!? Ich stehe vor der Statue: in der einer Hand hält sie ein Fliederzweig und in der anderen vorgestreckte Waffe. So sieht ein Feind aus. Das junge Gesicht des Soldaten hat kein Ausdruck bloß eine Maske einer Schaufensterpuppe. Das ist erst der Anfang! Ich weiß, Ich muss weiter gehen, dort ist der wahre Feind, auf den es ankommt. Ich zögere den Blick zu heben auf die nächste Gestalt. Ich weiß schon, was ich zu sehen bekomme. Eine derartige Enttäuschung und Schrecken wieder von neuem zu erleben! Ich muss mich setzen. „Nur Ruhe und alles der Reihe nach!“

Die Statuen verschwinden. Ich sitze wieder in der Schulbank vor einem Blatt Papier.  Ich wundere mich. Es ist nicht mehr unbeschrieben, es steht ganz groß ein Wort darauf. Wer war das? Ich sicher nicht! Wer hat das Wort Freund auf mein Blatt geschrieben? Wir sprachen doch von dem Wort: „Feind!“ Eine Hand legt sich auf das Blatt und schiebt es näher zu mir.“ Es ist egal, wer das geschrieben hatte. Du aber! Kannst Du zwischen diesen zwei Worten, ihrer Bedeutung unterscheiden?“  „Ist wohl nicht schwer“ denke ich. „Beispiele!“ Klingt streng der Lehrer. „Wozu den? Freund ist gut und Feind ist böse.“ „ So einfach ist es? Dann wird es wohl auch nicht so schwer es durch Beispiele vom Erlebten zu bestätigen.“

An einem wunderschönen Sommertag  plantschen wir in einem Teich. Das Wasser ist wunderbar. Weder ich noch meine ältere Schwester können schwimmen, daher stecken wir in aufgeblasenen Autoreifen. Unsere Freunde schwimmen wie Fische und rufen uns zu sich in die Teichmitte. Wir strampeln uns bis dahin. Das Wasser ist angenehm erfrischend und wir lachen und scherzen und strampeln… Etwas kitzelt uns auf den Beinen, das ist nicht so angenehm, eher unheimlich. Das Wasser ist von unserem Strampeln trüb, wir wissen nicht was es ist, was sich an unsere Füße wickelt. Wir versuchen es wegstrampeln, es geht nicht. Vielmehr, es wickelt sich stärker um unsere Füße. Wir fragen unsere Freunde, welche auch mit demselben Problem zu kämpfen haben. Mit Mühe schwimmen sie zum Ufer des Teiches.“ Hallo! Lässt uns nicht hier! Wir können nicht schwimmen!“ „Das schafft ihr schon! Ihr habt die Schwimmringe! Strampelt euch zum Ufer! Wir haben es auch geschafft und ohne!“ Sie sind von unserem Blickfeld verschwunden. Wir strampeln weiter. Langsam können wir uns gar nicht mehr in den Reifen halten. Das Grass zieht uns zum Grund. Wir haben Angst und Panik. Die Sonne geht unter. Wir geben auf, hören auf zu strampeln, hängen nur so in den Ringen. Plötzlich spüre ich, dass der Zug der Gräser nachgibt. Vorsichtig ziehe ich zuerst den einen Fuß nach oben, dann den anderen. Die Füße sind frei! Ich sage es meiner Schwester. Ich begreife in dem Moment als ich es ihr sage. „Nicht strampeln! Die Füße ruhig lassen!“ Wir paddeln mit den Händen bis zum Ufer, klettern erschöpft hinaus und gehen zurück nachhause. Wir waren Feriengäste unserer Freunde. Dort haben wir von unserem Abenteuer nichts gesagt. Unsere Freunde auch nicht. Wie sich später herausstellte, hatten sie ein Badeverbot für diesen Teich gehabt. Aus gutem Grund, wie sich dann natürlich auf schmerzliche Weise herausstellte. Uns haben sie von diesem Verbot nichts gesagt und unser Problem dann herauszukommen daheim verschwiegen. Jahre danach habe ich dieses Gefühl des unter die Wasseroberfläche gezogen werden in meinen Albträumen durchlebt immer wieder. Freunde? Kinder.

Wie sind dann die Erwachsene Freunde? Ich grabe in meinen Erinnerungen. Die Statue vor mir schaue ich immer noch nicht an. Ich fürchte sie nicht, nur möchte ich den Schmerz der Enttäuschung von mir fernhalten. Ich weiß, ich kann das nicht. Die Bilder strömen mir nur so entgegen! Ich sehe mich ungeduldig warten im Büro meines Vaters im Ministerium, wo er arbeitete in der Planung. Er war Ökonom. Es war Abend und wir sollten zu dem Weihnachtskinderfest gehen das bereits unten in der Festhalle angefangen hatte. Mein Vater musste aber seine Arbeit fertig machen. Es war wichtig. Er hatte an einem großen Auftrag gearbeitet: Das 5jahre plan. Alle haben auf diesen Abschluss gewartet. Vor seinem Schreibtisch wartete auch sein nächster Mitarbeiter, sein Freund der Jarda, er stresste meinen Vater, das sah ich. „Na mach schon, das ist doch gut so.“ „Nein, ich muss mir sicher sein, lass mich das noch ein mal durchrechnen.“ Die Haare fielen ihm auf die bleiche Stirn. Er blieb hart. Nichts würde er aus den Händen geben, dass nicht perfekt wäre. So war mein Vater. „Aber die Kinder warten auf das Fest“ Versuchte sein Freund den Vorgang zu beschleunigen. Er wollte in den Feierabend und bedrängte meinen Vater. Damals war ich ihm dankbar, ich wollte auf das Fest gehen. Endlich war es soweit. Mein Vater unterschrieb die Arbeit und wollte es seinem Chef bringen. „Lass, ich bringe es ihm schon, gehe Du mit den Kindern auf das Fest.“ „Danke und schöne Festtage!“ „Gern geschehen!“… Im Neuen Jahr erfahren wir dann, dass Jarda gerade für dieses Projekt befördert wurde. Ein guter Freund. Sicher keine Seltenheit. Vielleicht deshalb stehen in dem Raum so viele Statuen. Endlich traue ich mich ihnen ins Gesicht zu schauen. Und …siehe da, sie haben zwei Gesichter. Schon wieder liegt das Blatt Papier vor mir. Nun stehen da zwei Wörter nebeneinander. Dazwischen ist eine leere Stelle. „Füll das aus!“ Sagt der Lehrer streng. Ich überlege und mache dazwischen ein „ist gleich Zeichen =“. Dann schäme ich mich und lösche es wieder. Nach längerem Nachdenken entscheide ich mich und schreibe dazwischen das Wort:  „oder“. So ist es, beides kann es nicht sein. Nur die Erfahrung gibt uns die Möglichkeit zu erkennen, was von beiden stimmt. Die Schulklasse verschwindet und ich kann endlich ruhig schlaffen.

                                                                                    

„Heute klettern wir auf den Aussichtsturm.“ Teilt mir mit Begeisterung die Kleine. „Warum auch nicht?“ Denke ich mir. Es war ein schöner Tag und wir beide waren ausgeruht und voll Tatendrang. Wir wollten uns einfach nur freuen.  Der „Aussichtsturm“ war eigentlich eine genaue Kopie des Eifelturms von Paris, nur um  einiges kleiner, aber das störte niemanden. Außer Atem standen wir dann oben auf der Aussichtsplattform und sahen uns um. Die ganze Stadt lag uns zu Füssen. Dächer, Dächer, Dächer. „Ja, eigentlich, warum sagen sie denn „Goldene Stadt“?“ Fragt die kleine. „Die meisten Dächer sind doch grün oder geschwärzt rot. Findest Du nicht? „Ja, ist zwar wahr, aber das grüne, was Du da auf den Dächern siehst, das ist oxydierte Kupferblech und wenn man es richtig fest bürsten würde mit einer harten Bürste, da würde es wieder glänzen wie Gold. Hat man auch vor vielen Jahren probiert, es war sehr imposant. Es geschah ein paar Jahre bevor wir das Land verlassen hatten. Das Problem war aber, dass man es nie Schafte alle Dächer gleichzeitig zu polieren und die Luftverschmutzung damals war bereits so groß, dass man in wenigen Wochen von dem ganzen Glanz nichts mehr sah. Der Aufwand war auch viel zu groß und so ließ man es sein. Den Namen Goldene Stadt behielt Prag aber trotz dem.“ Gab ich dazu und war stolz, die Kleine auch, das sah ich. Überrascht sah ich, wie groß diese Stadt während meiner Abwesenheit geworden war. Die kleine zog mich mit sich die ganze Runde zu machen. Wir mussten uns alles anschauen. Dann verlor sie plötzlich das Interesse und zog mich mit sich zum Ausgang. „Ich habe eine Idee!“ rief sie. „Ja! Was hast Du denn vor?“ Ich würde viel lieber dort oben stehen bleiben und Die Aussicht in Ruhe genießen. So vieles ging mir durch den Kopf. Es war nichts zu machen. Mit der Energie, die sie zu Tage legte, waren wir im nu unten.  Sie zog mich durch den Park weiter und weiter bis wir ganz außer Atem an einem Platz standen. Dem Loreto platz. Eigentlich sollten wir uns da treffen, wie wir am Vortag vereinbart hatten. Was uns beide dazu brachte zuerst auf den Petrin Turm zu klettern, wussten wir nicht. Nun befanden wir uns aber wirklich auf dem Loreto platz.  Ringsherum standen viele Gruppen Touristen und warteten auf Etwas. Ja, ich wusste plötzlich auf was. Hinter mir erzählte eine Fremdenführerin die einnehmende Geschichte des Loreto Klosters und seiner Kirche. Dann wurden alle still. Die 30 Glocken des Turmes stimmten ein trauriges Lied an. Traurig? Für mich ja. Ich kannte die Sage, die mich dann immer zum Weinen brachte. „Während der Pest Zeit im Mittelalter, kurz nach der Erbauung des Kirchenturmes, lebte in der Gegend von Strahov eine Witwe mit ihren 27 Kindern. Sie war sehr gläubig und betete immer fromm zu der Heiligen Mutter Maria. Dann erkrankten ihre Kinder an Pest. Eins nach dem anderen.  Als sie die Kinder zu Grabe trug, gab sie ihr Geld und alles was sie hatte und ließ für jedes von ihnen ein kleines Glöckchen gießen für den neuen Glocken Turm. Dann starb auch sie. Da ließ das Kloster noch Drei  Glocken gießen aus ihrem Nachlass. An ihrem Begräbnis dann, erklangen alle die Glöckchen in gerade dieser Melodie, welche wir nun hörten. Mit meinen verweinten Augen sah ich die Kleine. Auch sie weinte um die viele Kinder und ihre Mutter, die der Schwarze Tod mit sich nahm. Plötzlich hielt sie aber inne. Sie sah erschrocken auf die andere Seite des Platzes. Sie packte mich wieder an der Hand und wollte mich weg ziehen. Was ist los? Weigerte ich mich zu folgen und sah in die Richtung, welche sie in Schrecken versetzte. Da stand sie wieder. Das Mädchen in Schwarz. Sie kam schnellen Schrittes auf uns zu. „ Nein , nicht, noch nicht!“ Sagte gepresst die Kleine.“ Wir haben es doch so schön!“ Es war aber zu spät. Die Kleine verschwand plötzlich.  „Wir müssen reden!“ Sagte leise das bleiche schwarze Mädchen. „Nein! Noch nicht.“ „Wann den? Bist Du nicht etwa deswegen gekommen?“ „Schon, auch deshalb, aber…“  „ Warum nicht jetzt?“ Drängte das Mädchen.  Ich sah über ihren Kopf hinweg, damit ich nicht in ihre traurige Augen sehen musste. „Einfach, später. Nicht jetzt, ich bin noch nicht soweit. Gib mir noch Zeit!“ Bettelte ich fast. Drehte mich um und lief, ja rannte ich weg.

Ich versteckte mich in der Kapelle der Kirche. Ich wusste zwar, dass das Mädchen sowieso verschwunden war, aber auch, dass ich mich dort besser von meiner Aufregung  beruhigen konnte.  Ich sah mich konfrontiert mit meiner Schuld. Es ist wahr, deshalb bin ich natürlich gekommen um diese durch eine Klärung zu sühnen, aber dazu war ich noch nicht bereit. Die Zeitreise war noch nicht zu diesem Punkt fortgeschritten. Das Gewissen aber, das Schwarze Mädchen, drängte. Ich hob das verweinte Gesicht zu dem Bildnis der Heiligen Maria.  „Ist es denn möglich, dass ein falscher ausgesprochene Gedanke einer Halbwüchsigen mehr wiegt, als ein sehnsüchtigstes Gebet zu Dir Heilige Maria?“ „Hat etwa die Mutter von den 27 Kindern, die so fromm war nicht zu der Heiligen gebetet?“ Hörte ich hinter mir die Stimme der Kleinen. Noch hatte ich mich nicht gedreht, als ich die andere Stimme hörte. „Sie hatte auch sicher nicht gesagt, dass ihre Kinder nicht so wichtig wären, wie… zum Beispiel ihr Mann, so dass sie vorgezogen hätte, dass er Leben würde anstatt die Kinder.“ Hörte ich die traurige dunkle stimme von der anderen Seite hinter mit. Da drehte ich mich erschrocken um und sah noch gerade, als die kleine das Schwarze Mädchen  in den Fuß kickte. „Bist den endlich still! „Zischte sie. „Aua! Du hast mir ein Loch in den Strumpf gemacht! Und das in der Kirche!“ „Ssst! Verschwindet beide!“ Flüsterte ich aufgeregt. Ich will hier alleine sein! Wir sehen uns Morgen, oder Übermorgen, aber nicht jetzt! Ich muss nachdenken!“  Die beiden verschwanden dann wirklich. Der Zauber des Moments war aber verschwunden. Ich trat hinaus auf den Platz. Ich sah die riesige Anlage des Klosters, ich wusste was es für Schätze enthielt, und es waren auch nicht nur Materielle Schätze, auch Kulturelle von hunderten von Jahren! „ Ja, auch Fehler! Fehler! Fehler!“ Dröhnte es in meinem Kopf. Nein, hier finde ich Heute sicher keine Ruhe. War mir endlich klar geworden.

Ich lief ziellos nur in meine Gedanken versunken, bis ich endlich realisierte, wo ich war. Ich befand mich im Rosengarten der Parkanlage. Es duftete dort herrlich. Und die Farben! Ich vergaß meinen ganzen Kummer, setzte mich auf eine Bank inmitten der Rosenpracht und schloss die Augen. Das nicht, weil ich diese Schönheit nicht sehen wollte, vielmehr, weil ich sie in meinen Geist einprägen wollte um sie mitnehmen zu können, mit mir in den grauen Alltag. Aber vorher ging doch die Zeitreise weiter. Nun begab ich mich auf einen Weg vielmehr der Gedanken von damals als von Taten. Die Taten waren nicht so wichtig, da sie nicht das Leben meiner Familie beeinflussten. Die Gedanken und aus ihnen folgende Entscheidungen aber wahrscheinlich doch. Plötzlich war ich viel kritischer gegenüber den Anderen, aber nicht gegen mich selbst.  Wenn ich kein Ausweg fand, aber meinen Kopf trotz dem durchsetzen wollte, log ich schamlos ohne gar zu merken, dass meine Lügen irrational und durchsichtig waren. Die Folgen dieser Lügen betrachtete ich als Ungerechtigkeit mir gegenüber. Die Pubertät kam. Alles um mich schien mir viel eindeutiger, die Farben waren kräftiger, ich hatte plötzlich mehr Kraft, traute mir alles zu, bis zum Unsinn. Ich stritt mit meinen Schwestern, mit meinen Eltern. In der Schule war ich plötzlich die Beste, wusste selbst nicht warum. Als ob irgendwie ein Knopf angegangen wäre. Die Ortsbibliothek habe ich in den folgenden Jahren so oft besucht, dass am Ende die Bereiche meines Interesses erschöpft wurden.  Ich fing an mir eigene Meinung zu bilden über Sachen, welche ich meiner Meinung nach besser verstand als die Anderen und versuchte diese auch durchzusetzen. Machte mich oft lächerlich deshalb. Das störte mich aber nicht weiter zu machen. „Stopp!“ Schrie es in mir plötzlich. „Du steuerst direkt auf den Punkt! Willst Du das schon?“ Ich sehnte mich nach dem kleinen Mädchen dass mich die ganze Zeit so fröhlich und sorglos begleitete. Ja, ich wusste aber, sie war weg. Ich habe sie weggeschickt und wahrscheinlich sehe ich sie nicht mehr. Dafür wird mich wohl das Traurige schwarze Mädchen begleiten. Das war mir bewusst. Sie kam aber nicht. Auch sie habe ich vorhin weggeschickt. Sie verstand wohl, dass ich diese Zeit brauchte, damit wir miteinander sprechen können.  Wird sie dann aufhören traurig zu sein? Wohl nicht. Den Grund kannte ich und der kann nicht verschwinden. Mit offenen Augen und allen Sinnen spazierte ich durch diesen wunderbaren Garten und genoss die Wohltat der Duften und Farben dieser bezaubernden Pflanzen. Nur ungern trat ich den Weg der Rückkehr ins Hotel an, aber man würde auf meine Nachricht warten, das wusste ich.

 

Kafkova 10/527 vormals Bachmacska. Ein grauer Mehrfamilien Eckhaus. Meine Augen suchen die vordere Fensterfront im 3.Stock. Da waren wir vor unendlich vielen Jahren zuhause. Bis wir eines tiefgefrorenen Morgens- Februar 1965 geheim noch in der Dunkelheit das Haus verließen. Warum geheim? Weiß ich das noch? Natürlich! Wie könnte ich den schlimmsten Eingriff in die private Sphäre des eigenen Zuhauses vergessen?!

Es waren nur ein paar Wochen vergangen nach Vaters Begräbnis. Da läutete es an der Türe. Wir machten auf. Ein Nachbar von oberen Stock verlangte Eintritt, wollte die Mutter sehen. Sie war nicht da. War wie jeden Tag auf dem Friedhof. Er hatte trotz dem auf dem Einlass bestanden, schubste uns auf die Seite und ging hinein. Er durchlief alle Räume wie ein Eigentümer. „Schön ist es hier so viel Platz, zu viel für Euch! Ihr habt gar nicht Anrecht darauf. Ihr seid nach dem Tod eures Vaters und ohne die Großmutter nur vier Personen hier. Das sind wir auch. Wir müssen in einer 1,5 Zimmer Wohnung leben, das könnt ihr auch und wir kommen hier… in dem Moment kam die Mutter hinein. Als er ihr seinen „Vorschlag“ unterbreitete, jagte sie ihn hinaus. Er ging mit Drohungen und Schimpfen wild gestikulierend. In dieser Nacht saß die Mutter lange noch, Zigarettenrauchend und überlegte was da zu tun war. Eine Woche später mussten wir unser Schlafzimmer umräumen. Wir- drei Schwestern sollten im Wohnzimmer auf zwei zusammengeschobenen Betten schlafen. Ein Bett blieb in dem vormals Kinderzimmer stehen für den neuen Untermieter, der dann auch am Abend mit einem Koffer kam. Ein Griechischer Journalist, Kommunist im Exil. Er sprach gebrochen Tschechisch, rauchte und trank viel. Eigentlich sahen wir ihn anfangs kaum, kam immer erst spät in der Nacht, lärmte in dem Zimmer und weckte uns damit so, bis unsere Mutter ihn zurechtweisen musste. Miete zahlte er auch nicht. Ein Fehlschlag. Nach mehreren Interventionen unserer Mutter, versprach er anstatt miete zu zahlen, uns Griechisch Stunden zu geben. In dieser Zeit, anfangs ohne dass wir etwas davon ahnten, später mit unserem wissen, versuchte unsre Mutter mit Hilfe der Griechischer Botschaft, wo sie als Dolmetscherin aushilfsweise arbeitete, unsere Ausreise nach Griechenland zu erreichen. Es war zwar ein Geheimnis, aber viele Vorbereitungen waren doch nötig. Eine davon war auch die Sprache, die wir nicht kannten.  Das Problem war, dass wir zwei jüngeren, gar nicht weg wollten und auch gar nicht die Sprache lernen wollten. Eigentlich glaubten wir gar nicht daran, dass es unseren Mutter gelingen würde die Erlaubnis zur ausreise zu bekommen. In früheren Jahren, als unser Vater noch lebte und der Großvater, Mutters Vater starb, ließen sie Sie auch nicht zu Begräbnis ausreisen. Wir hatten damals andere Interessen und kamen auf die Sprachstunden immer unvorbereitet. Der unfreiwillige Lehrer war natürlich wütend darüber. Er sah, dass wir die Stunden boykottierten.  Zur Straffe schlug er uns auf die Handflächen  mit dem hölzernen Lineal. Wir waren natürlich äußerst beleidigt. In den Schulen des Kommunistischen Regimes der damaligen Tschechoslowakei wurden Körperliche Strafen strengst verboten und das wurde auch respektiert. Das Verhältnis zu den Lehrern war sehr Kameradschaftlich und beruhte auf gegenseitigem Respekt- bis auf hie und da irgendein Scherz. Diese Tatsache benützten wir um uns von den unbeliebten Stunden zu befreien.  Wir beschwerten uns bei der Mutter.  Nächsten Tag ging der Untermieter mit seinem Koffer und kam nicht mehr zurück. Wir hatten jede ihr Bett wieder. Nicht mehr lange aber, denn unsere Reise stand bevor.

Aber jetzt kam auch das Geheimnis dazu. Das war eigentlich die Rache für den Versuch uns aus unserer Wohnung zu vertreiben.

Die Vorbereitungen auf die Abreise liefen auf Hochtouren-geheim natürlich.  Maminka schaffte es sogar nebst der Ausreisegenehmigung, auch unser Hausrat mitzunehmen. Den Haushalt einer 3 Zimmerwohnung 20 Jahre alt. Egal. Wir packten. In Kisten kamen Bücher, Geschirr, Kleider, Weißwäsche. Natürlich mit Einschränkungen.  Alles wurde sorgfältig ausgesucht, vieles musste zu unserem Leid zurückgelassen werden. Vor allem viele unsere geliebten Bücher. Am meisten tat mir Leid Vaters umfangreiche Enzyklopädie und Wörterbücher. Uns wurde nur ein kleiner Teil im Container zugewiesen. Die Sachen würden Monate lang unterwegs sein. Man fand damals nicht jeden Tag Waren zum zuladen nach Griechenland.  Endlich waren wir soweit und der Zoll sollte kommen um eine Kontrolle zu machen, damit wir nichts Unerlaubtes mitnehmen. Wir hatten aber. Die Tante bestellte uns drei Porzellan Services und eine Stereoanlage Tesla, 2 Fernseher, für all das hatte sie natürlich Geld geschickt gehabt … und noch Etwas… das erfuhren wir aber erst viel später, erst als wir die Griechische Grenze und den Zoll passiert hatten.  Die Urne mit Vaters Asche …

Der Zollbeamte war sehr gründlich. Er ging von Kiste zu Kiste, verlangte, dass wir die Sachen alle herausholten und begutachtete den Inhalt. Die Spannung stieg, wir wussten nicht was machen. Wir tippten auf Ermüdung. Wir machten sehr langsam mit dem Aufmachen der Kisten und herausnehmen der Sachen. Wir verschoben die Kisten ständig hin und her, so merkte der arme Mensch bald nicht mehr welche untersucht wurde und welche nicht, obwohl er die Kisten mit einem Stempel  versah.  Irgendwann bemächtigte sich des Stempels meine kleine Schwester mit dem „Vorhaben“ zu helfen und fing an auf alles, was sie um sich hatte, einen Stempel aufzudrucken. Der Beamte reklamierte anfangs und nahm ihr den Stempel, aber da waren schon die Kritischen Kisten abgestempelt und er war sowieso so müde, dass er sie zum Schluss beauftragt hatte den Rest auch zu stempeln.  Nächsten Tag wurden die Sachen abgeholt und wir standen in einer leeren Wohnung. Nicht für lange. Aus einem anderen Möbelwagen kamen plötzlich zu unserer Wohnung herauf andere Möbel, die wir nicht kannten. Auch unserem lästigen Nachbarn war es suspekt und der  erschien um  zu fragen.  „Das waren alte Möbel, die wir verkauften, und die, welche wir neu gekauft haben, die sind jetzt gekommen.“ War die Antwort.  Ob der Nachbar es geglaubt hatte, ist unbekannt. Sicher aber ärgerte er sich, denn er dachte, wir ziehen um und die Wohnung wäre dann für ihn frei.  Drei Tage danach war es soweit. Die Koffer waren gepackt und auch schon am Bahnhof. Wir sollten irgendwann sehr früh Morgen abreisen. Niemand sollte davon erfahren. Eigentlich verstanden wir die ganze Geheimnistuerei nicht. Maminka aber beharrte auf ihrer Strategie mit dem Versprechen, dass sie uns alles sagen wird, wenn wir schon im Zug wären.   Wir waren schon abreisebereit, aber Maminka wartete immer noch auf Etwas. Dann läutete es an der Türe. Ein Mann kam hinein. „Seit ihr soweit“ Fragte ihn Maminka. Ja, wir warten unten um die Ecke. Sie übergab ihm die Wohnungsschlüssel und wir gingen, ganz leise stahlen wir uns hinaus aus dem Haus. Draußen war es eisig kalt. Bis wir am Bahnhof ankamen, waren wir richtig durchgefroren. Wir freuten uns auf die Wärme im Wagon. Nichts war aber. Unseren Wagon haben sie erst nach stunden Verspätung zum Zug angeschlossen, mit der Begründung: es wäre ein Ersatzwagen, da der andere Störung hatte und ausgewechselt werden musste. Im Wagon war es noch kälter als draußen. Als ob man uns in ein Kühlschrank eingesperrt hätte. Der Zug hat schon stunden gefahren, bis sich um uns die ersehnte Wärme verbreitet hatte. Endlich lüftete Maminka das Geheimnis der Wohnung.

In der Arbeit  auf dem Postamt hatte sie einen jungen Kollegen, Briefträger, der drei kleine Kinder hatte, davon eins Herzkrank und hatte keine Wohnung. Aus der vorherigen hatte man ihn mit Intrigen ausquartiert und seine Familie musste leben mit den Eltern der Ehefrau und ihrem Bruder in einer 1 Zimmerwohnung. Ein unmöglicher Zustand. So vereinbarten die zwei kurzerhand diesen Umzug. Es war wirklich geglückt. Die junge Familie blieb in dieser Wohnung so lange, bis man ihnen eine ebenso große zugeteilt hatte. Diese unsere natürlich, hatte man schon lange für jemanden Protegierten vorbereitet. Dieser aber musste sich dann doch etwas gedulden…

Ende der Reise ins Gestern. Ich sah hinauf in die blinden Fenster unserer damaligen Wohnung. Wer wohnte wohl dort jetzt?  So vieles hat sich verändert! Sogar das Politische System in diesem Land! Und Ich? Ich war hier eine Fremde. Ein Schatten, der nach seinen eigenen Spuren sucht. Unsinn! Was will ich überhaupt hier?! Ich renne weg. Den Berg hinauf. Und weiter bis zu der Burg und weiter bis nach Petrin. Ich stehe vor dem Spiegellabyrinth, gehe hinein, verirre mich, gerate in Panik. Überall komme ich an die glatte Spiegelfläche an, sehe mich darin, mein verweintes Gesicht. Ich bleibe stehen. Höre um mich trampeln der Touristen, gehe ihnen nach, komme in ein Vorraum. Dort stehen verbogene Spiegel. Man sieht sich ganz verzerrt drinnen. Bucklig, mit Riesenkopf, super lang, oder im andern sehr dick. Die Menschen um mich lachen und machen verschiedene Posen. Ich sehe mich darin so verunstaltet und glaube dem, was ich sehe. So bin ich! Nein! Das will ich nicht! Ich renne hinaus. Mit einem Auge erspähe ich noch das Panorama der „Schlacht auf dem Weißen Berg“. Ist das ein Zeichen für mein ganzes Unterfangen? Werde ich es denn nie schaffen diese Last loszuwerden?

 

 

Ich flüchte mich in den Rosengarten. Der Duft und die Farben um mich wirken beruhigend. Die Bank mitten in diesem Paradies ist eine Oase nur für mich. Ich schließe die Augen und kämpfe mich durch die Erinnerungen Jahrzenten. Durch! Durch! Bis in die hinterste Ecke. Ich weigere mich, will nicht weiter. Plötzlich falle ich tief, tief in ein Loch. Wenn ich ankomme, sitze ich im Grass umgeben von meinen Freundinnen. Wir diskutieren:

Das Thema: Frauen, welche Zigaretten rauchen.

Die Meinungen in der Gruppe sind verschieden. Meist negativ. Manche Mädchen nehmen keine Stellung dazu. Nicht, dass sie keine Meinung hätten, das nicht, aber, sie wollen sich nicht festlegen. Das sind diejenigen, welche immer mit der Mehrheit gehen, denke ich mir und der Ärger steigt in mir hoch. Wütend platze ich in die lahme Diskussion: „Frauen welche rauchen sind prostituierte und Mannsweiber. Sie wollen sich nur hervortun vor den Männern und ihnen imponieren! Das ist meine Meinung und wenn sie Euch nicht gefällt, dann ist sie es trotzdem.“ Sagte ich und stand aufgeregt  auf. Es war mir aber gelungen die Diskussion anzuheizen. Ich drehte mich um, ging ein paar Schritte weiter weg von der Gruppe, hörte aber aufmerksam die Argumente der anderen, die mit mir nicht einverstanden waren. Plötzlich näherten sich mir zwei meiner besten Freundinnen. „Du, das hättest Du nicht sagen sollen. Hanka weint jetzt:“ Was sollte ich nicht sagen?“ Wunderte ich mich. „Na das mit den Prostituierten.“ „ Wieso? Ist doch wahr.“ Bestand ich auf meiner  Meinung. „Warum weint sie deshalb?“ Konnte ich den Zusammenhang nicht nachvollziehen. „Ihre Mutter raucht auch und ist sicher keine Prostituierte. Sie hat angefangen zu rauchen als ihr Mann, Hankas Vater starb. Sie meinte, das würde sie in der Trauer beruhigen und ist dann dabei geblieben. Hanka ist jetzt aber untröstlich, wenn Du sowas von ihrer Mutter behauptest. Nimm das zurück und entschuldige Dich.“ Baten sie mich. Eigentlich war ich davon nicht so überzeugt. In meiner Rechthaberei meinte ich immer noch, dass mein Urteil richtig war. Ich sah aber, dass niemand von den Anwesenden meine Meinung teilte und dass ich mir damit nur Feinde machte und so krebste ich zurück, entschuldigte mich bei Hanka und versuchte sie zu trösten. Ihr Vater war schon vor Jahren gestorben und es war sicher nicht immer leicht für die verwaiste Familie durchzukommen. Das zumindest war mir bewusst. In dem Versuch Hanka zu trösten behauptete ich, dass sie eigentlich noch Glück hatte, da meiner Meinung nach, Die Mutter für eine Familie wichtiger sei als Vater…

Ach! Hätte ich das doch nicht gesagt! Weitere Diskussion ist entstanden. Nach langem hin und her, pro und kontra entschieden wir tatsächlich, dass es wahrscheinlich so sein muss. Diese Behauptung bekräftigten wir mit dem Argument, dass ein Vater im Haushalt sehr wenig machen kann, auch die Kinder, besonderes wenn sie klein sind, nicht versorgen kann, eine Mutter aber dafür umso wichtiger ist. Der Vater zwar besser Geld verdienen kann, das aber die Mutter auch kann. Mit gemischten Gefühlen gingen wir damals auseinander. Die schöne Freundschaft war aber dahin. Hanka hatte mir die Beleidigung ihrer Mutter nicht vergessen und mit diesem Argument beeinflusste auch alle meine Freunde gegen mich. Zum Glück nahte dieses letzte Schuljahr im Gymnasium zu Ende und wir gingen sowieso auseinander, sonst wäre diese Zeit für mich unerträglich… dachte ich. Es kam aber noch schlimmer.

Jemand saß neben mir auf der Bank und drückte sich fest an mich. Ich sah hin. Die Kleine. Ihr verweintes Gesicht drückte sie an meine Schulter und schaukelte nervös mit den schmutzigen Füssen. Sie war barfuß. Mit beiden Händen hielt Sie meine Hand und druckte sie fest. Meine andere Hand druckte von der anderen Seite das traurige schwarze Mädchen. Auch Sie schluchzte; “Na, mach schon, gleich ist es raus!“ „Nichts ist raus, das bleibt für immer darin!“ Dachte ich  und erstickte fast an der Verzweiflung.  „Wie konnte ich nur so dumm sein und solche Behauptungen in die Welt setzen?!“  „Ich war noch so jung!“ Versuchte ich mich zu verteidigen, wusste aber, dass so etwas absolut untauglich war. Wollte aber auch gar nicht verteidigt werden. Ich wollte nur mit dem, was dann passierte mit mir ins klare kommen, fürchtete aber, dass es nicht möglich sein wird. Mein inneres Gesicht bleibt für immer so grusig scheußlich wie in den verbogenen Spiegeln im Spiegel Labyrinth. „Mach schon endlich!“  Beide drückten meine Hände noch fester…

Weihnachten kamen. Ein paar Monate vorher wurde unser Vater an der Niere operiert. Eigentlich ging es ihm besser, aber plötzlich wurde er vorzeitig in die Rente geschickt. Das hatte ihn vollständig aus der Bahn geworfen und von da an kränkelte er immer mehr. Als er dann am Heiligabend noch bevor die Geschenke ausgepackt wurden ins Bett gegangen war, bedrängte ich meine Mutter. Zum Schluss gab sie nach und offenbarte  uns die Wahrheit. Unser Vater war sterbenskrank und hatte nur noch ein paar Monate zu leben. Dies waren die schlimmsten Monate im Leben uns aller, seine umso mehr. Sie endeten natürlich mit dem Begräbnis Albtraum, dass ich immer wieder  vor allem die ersten Jahre danach  sah. Meine Mutter fing nach dem Begräbnis an zu rauchen. Ja, sie hatte für die Familie Geld verdient, umsorgen aber konnte sie diese nicht. Die Stütze fehlte uns allen. Unser Vater fehlte uns sehr. Auch jetzt, wo wir alle drei verheiratet sind, Mütter und Großmütter wurden, der Verlust von damals ist für uns immer präsent und dadurch auch bewusst, dass beide Elternteile für eine gesunde Familie gleich wichtig sind, auch wenn die Familienmitglieder es nicht immer wahrnehmen. Erst wenn einer von ihnen fehlt, wird es uns bewusst.  Meine Mutter heiratete später noch 2x, dennoch als Witwe mit 90 Jahren starb, prostituierte war sie aber nicht. Sie ertrug die Einsamkeit nicht, trotz dem, dass wir ihr all die Jahre beigestanden haben. Das nur zu meinem Urteil von damals.

Ich sah mich um. Niemand saß neben mir.  Die Rosen dufteten. Mein Kopf, mein Herz waren leer. Ich war sehr müde. Die Reise war lang und beschwerlich. Wie gerne wäre ich ans Vaters grab gegangen um ein paar Blumen hinlegen zu können im stillem Gedenken an ihn. Es gab keins. Ich sah um mich. Dieser Rosengarten hier und jetzt soll die Stelle sein, aus welcher alle meine Gedanken und Erinnerungen an Dich Tatinku zu Dir fließen sollen wo Du auch bist. Du warst sehr wichtig in meinem Leben. Mein Vorbild, Berater, Beschützer, Begleiter auf allen Entdeckungswegen in meinem Leben… bis Du plötzlich nicht mehr da warst. Es war die Fügung des Schicksals, nicht die Strafe, welche mir auf einer so dramatischen Weise klar gemacht hatten, wie wichtig ein Vater für das Leben einer Familie ist. Diese Reise trat ich an, weil ich mit meinen „Modernen“ Sprüchen, Dein Todesurteil ausgesprochen zu haben meinte.  Diese Schuld trug ich die ganzen Jahre mit mir, wobei mir jeden Tag in der Schule des Lebens bewusst wurde, wie Unrecht ich hatte. Erst jetzt aber, wurde mir klar, dass für die Tatsachen, ich nicht verantwortlich war, nur für den Gedanken und der hatte lediglich auf mein Leben Einfluss gehabt, nicht auf Deins. Ich verließ die Bank. Eine duftende Ruhe begleitete mich hinaus aus diesem kleinen Paradies.

Im Hotel angekommen, erwartete mich eine erfreuliche Überraschung. Im Eingang wartete jemand auf mich und schloss mich auch gleich liebevoll in die Arme. Mein Mann! „Wie… wo… woher kommst Du?“ Stammelte ich glücklich. „Ich merkte, dass Du mich brauchst und so kam ich.“ War die einfache Antwort. Er führte mich hinaus aus dem Hotel. „Wo gehen wir hin?“ „Sag Du! Ich will alles sehen! Zeig mir wo Du gelebt hast, die schönsten Plätze, führe mich durch das Labyrinth Deines Lebens von damals“ „Und, was ist, wenn wir uns darin verlieren, wie ich vorhin?“ „Passiert nicht, hab keine Angst.“ „Ich habe aber Angst.“ Wetten wir, dass ich wieder hinaus finde?“ „Na dann also! Wir sehen es dann.“ Gab ich resigniert nach. Obwohl ich sehr müde war, seine Anwesenheit gab mir die Freude, die ich so lange erwartet hatte zu finden, wieder die Plätze meiner Kindheit zu besuchen. Hand in Hand traten wir diesen Weg gemeinsam an. Ich spürte seine Hand in der meiner und schwebte fast von Glück. Ich war nicht mehr alleine und fürchtete nichts mehr. Und meine zwei Begleiterinnen von vorher? Ich war mir sicher, sie waren auch auf diesem Weg mit uns, nur sahen wir sie nicht.

Letzte Station. Das Spiegellabyrinth. Wir standen vor dem Eingang. Ich weigerte mich hinein zu gehen. „Gehe doch alleine, ich warte auf Dich hier draußen.“ „Warum? Alleine macht es kein Spaß.“ „Mir macht es kein Spaß, ich bekomme Panik, wenn ich mich verliere.“ Eigentlich ängstigten mich die verformten Spiegel, aber das sagte ich natürlich nicht. „Komm doch, ich führe Dich.“ Ich lachte bitter: „damit wir uns verlieren Hand in Hand!“ „Wieso vertraust Du mir nicht?“ Gab er sich beleidigt. Das wollte ich nicht. „O.K. wenn Du es so siehst, komme ich mit. Aber Du wirst sehen, wir werden uns darin verwickeln und das ist nicht angenehm.“ „Keine Angst, komm schon, ich freue mich auf den Spaß!“  Wir tauchten in die Spiegelwelt. Ich schloss die Augen und ließ mich an der Hand führen, so dass Er sah, dass ich ihm voll vertraute. Seine Hand, warm und fest, führte mich unbeirrt durch alle Gänge. Dann blieben wir stehen. „So, jetzt haben wir uns verlaufen!“ Dachte ich schadenfroh, machte die Augen auf und …sah uns beide in dem ersten verformten Spiegel. Wir waren ganz leicht durchgekommen, ohne nur ein einziges Mal irgendwo angeeckt zu haben. Unsere Köpfe waren riesenlang, unsere Körper zusammengesackt und plattgedruckt wie ein Pfannkuchen. Mein Mann umarmte mich und Küsste mich begeistert. „Das hat Spaß gemacht!“  Aus unseren beiden Köpfen wurde nur einer riesiger superlanger spitzer Kopf. Wir lachten und mit uns auch andere, die hinter uns auch an dieser Stelle angekommen waren. „Wie hast Du es geschafft grad zum ersten Mal?“ Wunderte ich mich. „Ein Geheimnis.“ Neckte er mich. Ein Geheimnis, dass er mir dann nach ständigem drängen verriet. „Du sollst nicht ständig in die Spiegel starren! Bleib am Boden der Realität!“  Neckte er mich. Ich ärgerte mich. „Ist aber wahr, sagte er ernst. „Am Boden siehst Du den Weg.  Da begriff ich endlich. Dafür liebe ich ihn so. Immer ist er da in den größten Schwierigkeiten, auch dann, wenn ich mir diese selbst eingebrockt habe und führt mich hinaus aus dem Labyrinth der Ausweglosigkeit und dann stehen wir wie jetzt da, vor dem krummen Spiegel und sehen wir hinein und lachen erleichtert zusammen. Einfach, weil er immer am Boden der Realität bleibt und mich sicher durch den Spiegellabyrinth führt.